Donnerstag, 27. Oktober 2011

Peter Abrahams: Hinter dem Vorhang

Der zweite Echo-Falls-Roman bietet zu Anfang so gut wie keine Krimihandlung und konzentriert sich dafür intensiv auf die Familie der dreizehnjährigen Ingrid. Viele Elemente, die sich in "Was geschah in Echo Falls?" angedeutet haben, treten jetzt klar zu Tage. Der von Ingrid so bewunderte Vater hat Schwierigkeiten bei der Arbeit, die sogar so weit gehen, dass er Stellenanzeigen durchsucht, während eine neue Kollegin seinen alten Job zu übernehmen scheint.

Ingrids großer Bruder Ty verhält sich weiterhin aggressiv und scheint in dubiose Machenschaften verwickelt zu sein. So behauptet er neuerdings, mit Sean Rubino (dem großen Bruder von Ingrids Freundin Stacey) befreundet zu sein, obwohl die beiden Jungen nichts gemeinsam haben, Sean älter ist als Ty und schon mal mit Alkohol am Steuer erwischt wurde. Sogar Ingrids Mutter wirkt in letzter Zeit etwas sorgenvoller, aber das könnte natürlich auch daran liegen, dass ihre Tochter schon mal in einen Mordfall verwickelt war.

Daher ist es jetzt für Ingrid wichtig herauszufinden, was überhaupt mit ihrer Familie los ist. Und so versucht sie nicht nur, so viel wie möglich über die Arbeitsprobleme ihres Vater zu erfahren, sondern schnüffelt auch gezielt Sean und ihrem Bruder hinterher. Sogar um ihren Großvater Grampy muss sich Ingrid ein paar Sorgen machen, denn der kümmert sich inzwischen nicht einmal mehr um seine Post, obwohl er in anderen Dingen so dickköpfig und entschlossen ist wie eh und je.

Bei all diesen Versuchen, mehr über die Familienprobleme und die Vorgänge rund um Ty und Sean herauszufinden, muss Ingrid unwissentlich in ein Wespennest gestochen haben, denn ganz überraschend wird sie entführt. Gewitzt wie sie ist, gelingt ihr die Flucht aus dem Kofferraum des Entführers - doch ohne einen handfesten Beweis in der Hand will ihr niemand glauben, dass sie wirklich in Gefahr war. Sogar ihre Familie verdächtigt sie schließlich, dass sie sich nach all der Aufregung um den Mord nun erneut in den Mittelpunkt drängen will und deshalb diese Geschichte erfunden hat.

Wenn ich überlege, dass eigentlich gar nicht so viel in diesem Buch passiert, habe ich doch schon ganz schön viel über den Inhalt geschrieben. Aber es sind eben gerade diese kleinen Dinge innerhalb Ingrids Familienkreis, die mich gefesselt haben. Der Krimianteil kommt relativ langsam voran (und ist stellenweise auch arg vorhersehbar), aber dafür sind die Charaktere liebevoll und glaubwürdig beschrieben. Ingrid ist zwar ein intelligentes Mädchen, aber sie hat keine besonderen Fähigkeiten oder ungewöhnliches Wissen für eine Dreizehnjährige.

Sie bemüht sich darum, genau zu beobachten, so wie ihr Vorbild Sherlock Holmes es tun würde, und ihren Umgang mit den gewonnenen Erkenntnissen finde ich sehr stimmig. Manche Schlüsse zieht sie intuitiv, über andere Sachen muss sie nachdenken und einige Dinge - die für mich als erwachsener Leser zum Teil auf der Hand liegen - begreift Ingrid nicht, weil sie da nur auf ihre kindlichen Erfahrungen zurückgreifen kann. Auch gelingt es Peter Abrahams meiner Meinung nach sehr gut, eine Grundsituation zu schaffen, in der es für Ingrid unmöglich ist, sich Hilfe zu suchen.

Es ist nicht so, dass sie die Polizei für unfähig hält oder dass sie glaubt, dass sie diese Fragen besser lösen kann als alle anderen (was ich in anderen Jugendkrimis oft ärgerlich finde). Das Problem besteht für Ingrid darin, dass sie einfach keine Beweise für ihre Entführung und die anderen Erkenntnisse, die sie im Laufe der Zeit sammelt, hat. Und ohne etwas in der Hand wird sie - auch dank eines psychologischen Gutachtens - als Lügnerin abgestempelt und bekommt deshalb keine Unterstützung.

Nachdem mir auch der zweite Teil so gut gefallen hat, bin ich gespannt, wie die Geschichte im dritten Band (den ich hoffentlich bald von der Bibliothek bekomme) weitergeht. Ich mache mir ein paar Gedanken um Grampy und so ganz sicher bin ich mir nicht, dass mit Ingrids Familie wieder alles in Ordnung ist. Abgesehen davon weiß ich jetzt schon, dass demnächst eine Leiche auf Grampys Farm gefunden wird ...

Kommentare:

Kiya hat gesagt…

Du bist mit den Büchern am Ende auch so schnell durch wie ich, oder? ;-) Sie lesen sich aber auch so schön weg...

Einiges um Grampy klärt sich im dritten Band - wurde nicht sogar schon einiges angedeutet? Ich bin mir in der Rückschau gar nicht mehr sicher.

Winterkatze hat gesagt…

Die Bücher sind einfach so eine nette Nachmittagslektüre. :) Und solange mir die Bibliothek die zur Verfügung stellen kann ... :D

Ich dachte mir schon, dass Grampy im dritten Band sehr im Mittelpunkt stehen wird. Bislang mache ich mir halt so meine Gedanken (und alles kann ich ja nicht in die Rezi schreiben, um nicht zu spoilern). ;)

Weißt du eigentlich, ob die Reihe mit den drei Bänden abgeschlossen ist?

Kiya hat gesagt…

Ich weiß nicht, ob sie in dem Sinne abgeschlossen ist, aber mehr als die drei Bände sind nicht erschienen (offenbar auch auf Englisch nicht).

Die Ausgaben auf Deutsch mit den schönen Covern waren übrigens im August gerade neu im Taschenbuch, deshalb wurde in der Buchhandlung speziell darauf hingewiesen, sonst wäre ich vermutlich daran vorbeigelaufen.

Winterkatze hat gesagt…

Das hatte ich befürchtet, ich habe auch einfach keine Hinweise auf weitere Bände finden können. Nun, auch gut, eine Serie weniger, die ich im Hinterkopf behalten muss. ;)

Schön, dass du nicht an der Serie vorbeigelaufen bist, sonst hätte ich sie auch nicht entdeckt. :D Ich finde es nur schade, dass die Reihe bei uns in der Bibliothek über mehrere Zweigstellen verteilt wurde ...

Kiya hat gesagt…

Ja, eigentlich hat es was für sich, mal keine Endlosserie vor sich zu haben. Ich mag ja Reihen sehr gerne, aber so langsam nehmen die unbeendeten ganz schön viel Platz im Regal ein.

Ich habe zuerst die Cover gesehen, dann die beiliegende Empfehlung einer Buchhändlerin ("es gibt sie noch - klassische Kinderkrimis" etc.), hat mich beides angesprochen, und beim Reinlesen bin ich gleich mit dem Schreibstil warm geworden. Kurzentschlossene Käufe sind ja etwas risikobehaftet, aber in dem Fall hat es sich gelohnt :-)

Mehrere Zweigstellen sind doof - da hat wohl jemand beim Einkauf nicht mitgedacht?

Winterkatze hat gesagt…

Ich finde es vor allem schwierig den Überblick zu behalten. Gerade, wenn es Reihen sind, bei denen die neuen Titel jährlich erscheinen und nicht in geringerem Abstand. Wenn ich endlich meine Bücher auspacke, muss ich wohl mal Listen machen ...

Und ja, in diesem Fall hat es sich gelohnt - und ich habe auch noch davon profitiert! :D

Ich fürchte, die Bücher sind nicht alle gekauft worden (das können sich Bibliotheken heutzutage ja kaum noch leisten). In dem zweiten Echo-Falls-Band stand ein netter Vermerk drin: "Unverkäufliches Leseexemplar. Rezension nicht vor dem XY veröffentlichen". Aber bei der Einpflege der Titel hätte man da schon drauf achten können.

Aber wer weiß, vielleicht gibt es auch hier in dieser Stadt Bibliothekarinnen wie meine ehemaligen Kolleginnen, die lieber den zweiten Band einer Reihe in ihrer Zweigstelle haben, als der "Konkurrenz" den zu überlassen. *ohje*

Natira hat gesagt…

ich habe diese rezension nur "angelesen", weil ich befürchte, zu viel zu erfahren - habe ja den ersten teil noch nicht gelesen -
lg natira

Winterkatze hat gesagt…

Ich denke, ich habe das Ganze recht spoilerfrei - sogar in Hinsicht auf den ersten Band - formuliert. So oder so musst du die Reihe mal antesten! :D

Natira hat gesagt…

ich habe für den samstag eine fahrt zur bücherei geplant - ein schwindt-buch zurück, hoffentlich zwei von diesem mitnehmen und mit etwas glück auch den ersten band dieser reihe.

Winterkatze hat gesagt…

Dann drücke ich dir die Daumen, dass das so klappt. Du bist der Grund, dass in der Bibliothek auch ein Schwindt-Buch auf mich wartet. *g*

Natira hat gesagt…

ist so ein leser-austausch nicht was feines :D

Winterkatze hat gesagt…

*seufz* Noch feiner wäre er, wenn das Timing besser wäre ... Ich wollte in diesem Jahr doch nicht mehr so viel aus der Bibliothek ausleihen und war ganz froh, dass ich vor zwei Wochen nur noch eine Vormerkunge ausstehen hatte.

Natira hat gesagt…

bedenkt man, dass es noch zwei monate bis zum jahresende sind und welches lesetempo du hast, dann ist das timing doch gar nicht so schlecht :)

Winterkatze hat gesagt…

SuB-Abau! SuB-Abau! Und ich wollte ja auch noch ein paar Besprechungen schreiben ... Abgesehen von den ganzen mehr oder weniger erfreulichen Ablenkungen, die das Leben in den nächsten Wochen für mich noch bereithält.

Natira hat gesagt…

ähm, ja, also:
hör bitte auf, interessante bücher auf deinem blog zu besprechen (und andere buchblogger sollten das bitte auch lassen), damit ich nicht dauernd von meinem sub/tub incl. nachlesen abgelenkt werde, wenn ich z.B. mal nicht meiner serienleidenschaft fröne bzw. arbeite :)

Winterkatze hat gesagt…

Jetzt machst du mich sprachlos ... *schnaubt empört* ;)

Natira hat gesagt…

*giggelt*

Beate Sauer hat gesagt…

Liebe Winterkatze,

ich bin vergangenen Herbst durch eine Rezension auf der Jugendbuchseite der SZ auf die Echo-Falls-Reihe gestoßen. Mich hatte angesprochen, dass Ingrid ein Sherlock-Holmes-Fan ist. Ich habe mir den ersten Band gekauft und war dann so angetan davon, dass ich mir auch gleich die beiden Folgebände gekauft und gelesen habe. Ich finde auch, es passiert gar nicht sooo viel in den Büchern, trotzdem fand ich sie spannend und ich mochte die Figuren sehr. Neben Ingrid vor allem den Großvater den Hund Nigel ;-) . Jedenfalls finde ich es sehr schade, dass Peter Abrahams wohl nicht vor hat, einen vierten Band zu schreiben.

Liebe Grüße

Beate

Winterkatze hat gesagt…

Liebe Beate,

ich fände es auch schön, wenn Peter Abrahams weitere Bücher über Ingrid schreiben würde. Die Figuren sind so wunderbar beschrieben, dass sie einem ans Herz wachsen müssen. Nigell ist wirklich ein Fall für sich! :D Als Romanhund mochte ich ihn sehr. :)

Viele Grüße von der Winterkatze (und schön, dass es so mit dem Kommentieren klappt!)

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