Mittwoch, 17. Januar 2018

Rachel Caine: Stillhouse Lake (Stillhouse Lake 1)

Im Dezember gab es das eBook "Stillhouse Lake" von Rachel Caine für gerade mal 99 Cent, und weil ich die (ersten Bände der) Morganville-Reihe der Autorin so mag, dachte ich, ich könnte auch mal einen Thriller von ihr ausprobieren. Auf Deutsch ist das Taschenbuch übrigens vor ein paar Tagen mit dem Titel "Die Angst schläft nie" (ich hasse deutsche Thriller-Titel wirklich) erschienen, falls jemand nach meiner Rezension Lust auf die Geschichte, aber keine Lust auf Lesen eines englischen Buches hat. ;) Die Handlung beginnt damit, dass Gina Royal, die ihre beiden Kinder von der Schule abgeholt hat, ihr Haus von der Polizei umstellt vorfindet. Vor den Augen der Kinder wird sie verhaftet, ohne überhaupt zu wissen, was los ist. Erst später findet Gina heraus, dass man - dank eines unvorsichtigen Autofahrers, der das Gebäude gerammt hatte, - in der Holzwerkstatt ihres Mannes die Leiche einer jungen Frau gefunden hat und dass diese nicht das erste Opfer von Melvin Royal war.

Jahre später versucht Gina unter ihrem neuen Namen "Gwen Proctor", mit ihrem Sohn Connor und ihrer Tochter Lanny ein neues Leben in einem verfallenen Haus am Stillhouse Lake in Tennessee zu beginnen. Hinter ihr liegen 1 1/2 Jahre Untersuchungshaft, da sie verdächtigt wurde, Anteil an den Taten ihres Mannes gehabt zu haben, und weitere Jahre, in denen sie mit den Kindern von einem Ort zum nächsten und von einer Identität zur anderen wechselte, um denjenigen zu entkommen, die auch nach ihrer Freisprechung Jagd auf sie machten. Gwen fürchtet vor allem um das Leben ihrer Kinder, da online von ihren Peinigern immer wieder dazu aufgerufen wird, diese zu missbrauchen oder zu töten, um ihrer Mutter zu zeigen, wie es sei, wenn man ein Familienmitglied auf grausame Weise verliert. Doch nachdem sie so oft umgezogen sind und so oft den Namen gewechselt haben, wird es endlich Zeit, etwas sesshafter zu werden und den Kindern wieder etwas Stabilität zu bieten.

Natürlich wird es nicht so einfach für Gwen, Fuß am Stillhouse Lake zu fassen. Alle drei sind von den vergangenen Jahren traumatisiert, und Gwen ist nicht mehr in der Lage, einem anderem Menschen zu vertrauen, nachdem ihr Ehemann sich als Serienkiller entpuppt hat. Immer wieder schärft sie den Kindern ein, dass sie all die eingeübten Vorsichtsmaßnahmen nicht außer Acht lassen dürfen, immer wieder führt sie "Notfallübungen" durch und jeden Tag schwebt über Lanny und Connor die Furcht, dass sie wieder von einer Stunde auf die andere ihr neues Zuhause inklusive der wenigen liebgewonnenen Gegenstände, die eine Flucht erschweren würden, verlassen müssen. Als dann auch noch im See die Leiche einer jungen Frau gefunden wird und Gwen und ihre Kinder als Zeugen die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich ziehen, steht Gwen wieder vor der Entscheidung, ob sie fliehen oder die Ermittlungen durchstehen will, auch wenn das bedeuten könnte, dass ihre wahre Identität aufgedeckt wird.

Dass Rachel Caine gut schreiben kann, wusste ich schon vor diesem Buch. Ich war aber trotzdem überrascht davon, wie sehr mich "Stillhouse Lake" fesseln konnte. Die Handlung an sich ist gar nicht so ungewöhnlich, ich stolpere in (amerikanischen) Thrillern häufiger über Protagonistinnen, die in irgendeiner Weise Opfer waren und nun eines Verbrechens verdächtigt werden und/oder befürchten müssen, dass ihre Vergangenheit sie einholt, weil sie (wieder) ins Visier der Polizei geraten sind. Was "Stillhouse Lake" für mich zu einer besonderen Geschichte gemacht hat, war auf der einen Seite Gwens Charakter. Man erlebt im Prolog, wie ihre Welt von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt wird. Sie hat keine Ahnung, was ihr Mann getan hat, und während sie überhaupt zu begreifen versucht, was los ist, wird sie als Mittäterin verhaftet. Ohne dass Rachel Caine lang und breit beschreibt, wie diese Jahre für Gwen verlaufen sind, wird deutlich, welch ein einschneidender Einschnitt dies für ihr Leben bedeutete und welch gravierende Entwicklung sie danach in kürzester Zeit durchmachen musste, um die folgenden Monate zu überstehen und ihren Kindern so viel Sicherheit wie möglich (was nicht gerade viel war) gewährleisten zu können.

Gwen ist misstrauisch, abweisend, bewegt sich auf illegalen Pfaden, denkt ständig über Fluchtrouten und Verteidigungsmöglichkeiten im Falle eines Angriffs nach und versucht trotzdem irgendwie, eine liebevolle und nicht überbehütende Mutter zu sein - letzteres zugegeben nicht sehr erfolgreich. Eine große Rolle in Gwens Leben nach "dem Ereignis" spielt das Internet, denn dort sammeln sich all die Personen, die glauben, dass Gwen an den Taten ihres Ex-Mannes beteiligt war, die Rache für die Opfer wollen (egal, ob Gwen nun mitschuldig war oder nicht) und diejenigen, die Gwen und die Kinder bedrohen und verfolgen, weil es ihnen einen Kick gibt. Die Szenen, in denen sich die Protagonistin Tag für Tag einloggt, um zu schauen, ob einer dieser Verfolger einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort gefunden hat, ob vielleicht ein Foto aufgetaucht ist, mit dem man sie oder eines der Kinder identifizieren könnte, oder um einfach nur die aktuellsten Drohungen zu archivieren und (anonym) an die zuständigen Polizeistellen weiterzuleiten, fand ich unglaublich bedrückend.

Gerade weil sich solche Online-Lynch-Mobs in der Realität selbst zu den belanglosesten Themen finden, fiel es mir beim Lesen erstaunlich schwer, mit diesem Aspekt von Gwens Leben umzugehen. So ist es lange Zeit auch eher diese ständig schwelende Bedrohung für Gwen und ihre Kinder, die für Spannung sorgte, als die aktuellen Ereignisse rund um den See. Natürlich bedrückt der Mord an einer jungen Frau die Protagonistin und es ist nicht schön, von der Polizei als Verdächtige behandelt zu werden, aber all die unschönen "Nebeneffekte", die dies für Gwen und die Kinder mit sich bringt, sind viel schlimmer zu verfolgen. Am Ende gab es dann auch noch einen dramatischeren Showdown, und als ich an der Stelle angelangt war, war ich regelrecht erleichtert, weil aus einer nicht greifbaren Bedrohung ein realer Angreifer geworden war, gegen den Gwen direkt vorgehen konnte.

Falls es bislang noch nicht deutlich geworden ist: "Stillhouse Lake" ist eine wirklich spannende Geschichte, die mich beim Lesen wirklich gefesselt hat. Neben all den bedrückenden Elementen gibt es übrigens auch sehr schöne Szenen, in denen Gwen so etwas wie freundschaftlichen Austausch mit ihren Nachbarn oder Bekannten hat. Da aber auch diese Szenen immer von der Frage durchdrungen sind, ob man dem Gegenüber vertrauen kann oder was die anderen wohl von Gwen denken würden, wenn sie ihre wahre Identität wüssten, vertiefen diese nur die beklemmende Atmosphäre, die den Roman durchdringt. Nach aller Begeisterung muss ich aber auch noch einen kleinen Kritikpunkt an der Handlung einbringen, da eine Person in Gwens Umfeld in meinen Augen als potenzieller Verdächtiger ziemlich auffällig war. So schlimm war das aber nicht, da Rachel Caine genügend weitere "verdächtige" Figuren in die Geschichte eingebaut hat, so dass man sich nie so ganz sicher sein konnte, ob einer oder mehrere Bekannte nicht ebenfalls mehr über sie und über die Morde am Stillhouse Lake wissen. So gibt es gerade nur einen einzigen Grund, warum ich mir nicht schon die Fortsetzung gekauft habe, und der ist, dass ich meinen Bücheretat für den Monat schon sehr großzügig ausgereizt habe. 

Montag, 15. Januar 2018

Bruce Coville: Always October (Hörbuch)

"Always October" von Bruce Coville ist eigentlich die perfekte Halloween-Geschichte (für Kinder), aber da ich gerade nicht so oft Hörbücher höre, kam ich erst im Dezember dazu, mir dieses Hörbuch anzuhören. Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht von Jacob "Jake" Dolittle und Lily Carker erzählt. Dabei macht Lily den Anfang, da sie der Meinung ist, dass sie ihre Geschichte erzählen müssten, bevor sich Jake in ein Monster verwandelt - und wenn sie nicht mit dem Aufschreiben anfängt, dann bekommt ihr Freund das Ganze bestimmt nicht auf die Reihe. Jacob und Lily kennen sich schon viele Jahre, haben sich aber erst miteinander angefreundet, nachdem Jakes Vater vor einiger Zeit bei der Erforschung einer Höhle verschwand. Beide Kinder lieben Horrorgeschichte, besonders die, die von Jacobs Großvater geschrieben wurden (bevor auch dieser vor vielen Jahren verschwand - es liegt wohl in der Familie) und in denen er von einer Welt voller Monster erzählt, die angeblich "Always October" heißt.

Da Lilys Großvater die Aufsicht über den örtlichen Friedhof hat, liegt es nah, dass die beiden Kinder eine Horrorbibliothek in einem der Mausoleen anlegen und dieses Mausoleum als Geheimversteck nutzen, um sich ungestört über all die Dinge austauschen zu können, die sie beschäftigen. Kurz nachdem es während einer stürmischen Nacht zu seltsamen Vorfällen in der "Mausoleums-Bibliothek" kam, wird vor Jacobs Tür ein Säugling ausgesetzt. Während er natürlich davon ausgeht, dass seine Mutter das fremde Kind den Behörden übergibt, beschließt diese, dass sie sich um "Little Dumpling" (kurz LD) kümmern wird, bis seine Mutter ihn wieder abholt. So kommt Jake zu einem liebenswerten kleinen Bruder, der trotz seiner ungewöhnlichen Eigenschaften (die sich vor allem bei Vollmond zeigen) sofort Jacobs Beschützerinstinkt weckt. Wenig später finden Jake und Lily heraus, dass LD eigentlich aus Always October stammt, und um LD eine sichere Zukunft zu gewährleisten, müssen die beiden durch die Monsterwelt reisen. Dort versucht gerade eine Gruppe von Monstern die Verbindung zwischen der Menschenwelt und Always October zu zerstören, was nicht nur die Opferung von LD erfordern, sondern auch für beide Welten das Ende bedeuten würde.

Das Hörbuch von "Always October" dauert ungefähr acht Stunden und ich habe jede einzelne Minute davon genossen. Lily ist eine großartige Protagonistin mitsamt ihrer Begeisterung für Horrorgeschichten, ihrer Abenteuerlust und ihrer absoluten Loyalität zu ihren Freunden und ihrem nicht ganz einfachen Großvater. Auch Jake habe ich mit all seinen Macken und Ängsten sehr ins Herz geschlossen, gerade weil für ihn die vielen Herausforderungen, die die Reise durch Always October so mit sich bringt, besonders schwierig zu bewältigen waren. Unterstützt werden die Kinder durch eine ganze Gruppe von Helfern - besonders hervorheben möchte ich dabei Luna Marie Eleganza VI. -, die mir alle miteinander ans Herz gewachsen sind. Die Handlung ist spannend, amüsant und voller wunderbarer fantastischer Einfälle. Bruce Coville verwendet zwar ein paar Elemente, die nicht gerade "neu" in diesem Genre sind, wie zum Beispiel die Bibliothek der Albträume, aber das hat mich in keinem Moment gestört, weil "Always October" wunderbar kurzweilig war und mir jede einzelne Figur (na ja, abgesehen natürlich vom Bösewicht) ans Herz gewachsen ist.

Normalerweise bin ich nicht so begeistert, wenn ein Hörbuch von Kindern/Jugendlichen eingelesen wird, aber Nancy O'Connor und Zac Fletcher machen ihre Sache sehr gut und es hat mir Spaß gemacht, ihnen zuzuhören. Welche Sprecher die erwachsenen Figuren (Monster ebenso wie Menschen) übernommen haben, wird zwar im letzten Track von Bruce Coville (der ebenfalls einem der Charaktere seine Stimme verleiht) aufgezählt, aber da ich weder bei Audible noch bei Full Cast Audio eine Liste gefunden habe, beschränke ich mich hier auf die Aussage, dass auch diese Personen ihre Arbeit sehr gut gemacht und somit für mich zum Hörvergnügen beigetragen haben.

(Für diejenigen, die die Trickfilm-Serie "Die Trolljäger" kennen: Bruce Covilles Romanvorlage zu "Always October" ist ein paar Jahre älter als die Serie, aber einige Figuren und die Atmosphäre dieses Hörbuchs haben mich sehr daran erinnert.)

Samstag, 13. Januar 2018

Hayley Long: Sophie Soundso

Über das Buch "Sophie Soundso" von Hayley Long bin ich bei den Nominierungen für Dezember für "Das Jahr der Königskinder" bei Anja gestolpert. Es gab zwar keine überzeugenden Argumente oder gar inhaltliche Aussagen zu dem Roman in dem Beitrag zu lesen, aber der Titel allein hat mich neugierig genug gemacht. Kurz vor Weihnachten konnte ich das Buch dann in der Bibliothek ausleihen, habe einen ersten Blick hineingeworfen und war erst einmal irritiert. Und fasziniert. Und verwirrt. Und nahm mir dann vor, dass ich mir mehr Zeit und etwas mehr Ruhe für Sophies ungewöhnliche Erzählweise nehmen würde. Denn Sophie ersetzt die gesamte Geschichte hindurch Substantive durch Wörter, die eine vollkommen andere Bedeutung haben, was mich beim Lesen immer wieder stutzen ließ und dafür sorgte, dass ich stellenweise ein paar Seiten brauchte, um herauszufinden, welches richtige Wort da eigentlich in den Satz gehört. Das hat mich in überraschend hohem Grad beim Lesen gestört, obwohl man Sophies "Ersatzwörter" in der Regel schnell auf die Reihe bekommt, ihre Geschichte problemlos verstehen kann und wirklich nur wenige Wörter für mich nicht gleich erschließbar waren. Vor allem hat mich aber irritiert, dass ich keinen Grund für diese Erzählweise fand, bis am Ende des Romans in einem Gespräch deutlich wird, weshalb sie ihre Geschichte auf diese Weise aufgeschrieben hat.

Grundsätzlich ist diese ungewöhnliche Erzählweise zwar ein netter Kniff der Autorin, aber auch ohne dieses Element hätte die Geschichte rund um Sophie für mich gut funktioniert. Die gesamte Handlung hindurch ist Sophie auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, was für einen Teenager - Sophie ist 14 Jahre alt, als sie die Geschichte erzählt, - nicht ungewöhnlich ist, aber bei ihr besondere Gründe hat. Sophie lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrem siebenjährigen Bruder Hercule in einem Mehrfamilienhaus in Brüssel. In der ruhigen Straße, die schon bessere Zeiten gesehen hat, scheinen sich all ihre Erinnerungen zu sammeln, und doch gibt es immer wieder Momente, bei denen sie sich fragen muss, ob eine Szene aus ihrer Vergangenheit stammt oder etwas ist, das sie mal im Fernsehen gesehen hat. Wenn sie ihre Eltern nach solchen Erinnerungen fragt oder nach all den anderen Dinge, die in ihrem Leben anders zu sein scheinen als im Leben ihrer Klassenkameraden, dann bekommst sie ausweichende oder verwirrende Antworten. Und je mehr sich diese seltsamen Momente häufen, desto mehr fragt sich Sophie, welches Geheimnis ihre Eltern verbergen und wer sie selbst eigentlich ist.

Dabei werden die Ereignisse von Sophie nicht chronologisch erzählt, so dass man den Teil der Geheimnisse, an den sich das Mädchen teilweise sogar erinnern kann, schon zu Beginn des Romans erfährt. Diese Vorgeschichte macht einen als Leser aber nur neugieriger auf die Hintergründe rund um die ungewöhnliche Ankunft von Sophie und ihrer Mutter in Belgien. So wird die Handlung von Hayley Long in fünf Teile aufgeteilt, die Sophies Suche nach der Wahrheit und ihr Verarbeiten der ganzen Informationen darstellen. Die Betitelung der verschiedenen Teile - "Sophie im Schockstress", "Sophie Nirgendwer", "Sophie Sherlock", "Sophie Pratt" und "Sophie Soundso" fassen Sophies Weg auf der Suche nach den Ereignissen in der Vergangenheit und dem Grund für die Lügen ihrer Eltern schön zusammen. Ich mochte Sophie wirklich gern und ich habe sie gern auf ihrem Weg begleitet. Auch gefiel es mir, wie die Autorin Sophies Verhältnis zu ihrer Familie oder zu ihrer besten Freundin Comet dargestellt hat. Denn gerade weil Sophie eigentlich so behütet aufgewachsen ist, fällt es ihr so schwer, mit den Geheimnissen in ihrem Umfeld umzugehen. Und als Sophie anfängt nachzuforschen und Antworten auf all die vielen Fragen findet, die sie beschäftigen, da hat sie zwar Angst vor dem, was sie enthüllt, lässt sich davon aber nicht abhalten und ist sogar reif genug, um Unterstützung, die ihr angeboten wird, auch anzunehmen.

Ich muss gestehen, dass ich es schwierig finde, mehr zu dem Buch zu schreiben, weil ich Angst habe, dass ich zu viel zur Handlung verrate. Denn das Besondere an "Sophie Soundso" ist eben nicht nur die ungewöhnliche Erzählweise, sondern auch all die kleinen Szenen, in denen man Sophie, ihre Familie und ihre Freunde (und Nachbarn) kennenlernt und die Momenten, in denen sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, dass ihre Eltern auch nur Menschen mit Schwächen und Fehlern sind. Würde ich hier erzählen, was mich an diesen Passagen so berührt, amüsiert oder bedrückt hat, müsstet ihr den Roman nicht mehr lesen, was wirklich schade wäre, denn ich habe wirklich schöne Stunden mit Sophie und ihrer Suche nach ihrer Identität verbracht und mir am Ende aus mehr als einem Grund ein Tränchen verdrücken müssen.

Donnerstag, 11. Januar 2018

Karen Foxlee: Ophelia and the Marvelous Boy

Über "Ophelia and the Marvelous Boy" von Karen Foxlee bin ich durch den Twitteraccount von Stephanie Burgis gestolpert und die Leseprobe hatte mir dann so gut gefallen, dass ich den Roman auf meine Geburtstagswunschliste gepackt hatte. Ich hatte während des Adventslesens schon ein bisschen zu der Geschichte geschrieben, aber ich wollte noch eine "richtige" Rezension auf dem Blog haben, weil mir der Roman so gut gefallen hatte. Die Handlung wird vor allem aus der Sicht der elfjährige Ophelia Jane Worthington-Whittard erzählt, die die drei Tage vor Weihnachten mit ihrem Vater und ihrer älteren Schwester in einem ungewöhnlichen Museum festsitzt. Ophelias Vater Malcolm Whittard ist Experte für Schwerter und wurde von der Museumsleitung engagiert, um die Ausstellung "Battle: The Greatest Exhibition of Swords in the History of the World" bis zum Weihnachtstag eröffnungsreif zu machen, nachdem der dafür verantwortliche Kurator überraschend verschwand. Da Ophelias Mutter vor ein paar Monaten gestorben ist, müssen sie und ihre Schwester Alice ihren Vater begleiten.

Ein bisschen hofft Ophelias Vater, dass seine Töchter in einer wunderschönen weihnachtlichen Stadt, in der immer Schnee liegt, ihren Kummer über den Tod der Mutter ein wenig vergessen können. Doch statt gemeinsam Eislaufen zu gehen oder auf andere Weise ihre Zeit zu genießen, verbringen die Schwestern die Tage voneinander getrennt. Und während Alice sich mithilfe ihrer Musik von der Welt zurückzieht, erkundet Ophelia das Museum - bis sie durch ein Schlüsselloch einen geheimnisvollen Jungen in einem der Zimmer des Museums entdeckt. "The Marvelous Boy" - wie der Junge laut der Beschriftung an seiner Tür genannt wird - behauptet, er würde Ophelias Hilfe benötigten, um die Welt zu retten. So richtig weiß das Mädchen nicht, was sie von dem Jungen und seinem Anliegen halten soll. Ophelia ist eine sehr vernünftige Elfjährige, die sich lieber auf Wissenschaft stützt, als an etwas so wenig Greifbares wie Magie zu glauben. Aber sie ist auch hilfsbereit und neugierig und erledigt genau deshalb all die seltsamen Aufgaben, die ihr der Junge aufträgt.

Ich habe Ophelias Erlebnisse sehr gern verfolgt. Das Mädchen ist neugierig und wissensdurstig, aber auch ängstlich (was noch durch ihr Asthma verstärkt wird) und seit dem Tod der Mutter sehr unsicher. Durch die verschiedenen Herausforderungen, die Ophelia bewältigen muss, um den geheimnisvollen Jungen zu befreien, überwindet sie immer wieder von neuem ihre Ängste. Doch sie lernt nicht nur mit ihren Ängsten umzugehen, sondern sie verarbeitet auch so langsam den Verlust ihrer Mutter. Nebenbei bekommt sie immer wieder von dem mysteriösen Jungen ein Stückchen seiner Geschichte erzählt, so dass man auch mehr über seinen Hintergrund erfährt. Dabei bleibt der Junge selbst die ganze Zeit über namenlos, und auch als Charakter bekommt er keine besondere Tiefe von der Autorin verliehen. Ich fand diese wenig intensive Beschreibung des Jungen sehr passend, denn auf der einen Seite ist seine Geschichte durch und durch märchenhaft, und auf der anderen Seite spielt er als Person in erster Linie die Rolle des Auslösers für Ophelias Entwicklung und braucht keinen komplexeren Hintergrund.

Es hat mir Spaß gemacht, mit Ophelia durch das Museum zu streifen. Je mehr Ecken des Gebäudes man zusammen mit dem Mädchen entdecken konnte, desto mehr erfuhr man auch über seine Familie, seine Ängste und Sehnsüchte. Dazu kommen noch all die unheimlichen und gefährlichen Elemente, die vom Einfluss der Schneekönigin zeugen. Besonders bei diesen Passagen beweist die Autorin ein wunderbares Händchen für Atmosphäre und Figuren - meine Lieblingsszene in der Geschichte spielte in einem Korridor voller Geistermädchen und ist wunderbar herzzerreißend geschrieben. Ich mochte auch die Passagen mit Ophelia und ihrer Familie, denn obwohl es relativ wenige Momente gibt, in denen sie gemeinsam mit ihrem Vater oder Alice etwas erlebt, so ist ihre Familie doch ständig in ihren Gedanken präsent. Dadurch, dass Ophelia ihrer Familie so wichtig ist, bangt man als Leser natürlich auch um diese beiden Charaktere, die selbstverständlich keine Ahnung von dem Kampf gegen die Schneekönigin und den unheimlichen Machenschaften dieser Person haben. Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich "Ophelia and the Marvelous Boy" aufgrund der sympathischen und realistischen Protagonistin, der wunderbaren Atmosphäre und all der kleinen magischen Elemente wirklich gern gelesen habe.

Dienstag, 9. Januar 2018

Kate Leth und Megan Levens: Spell on Wheels (Comic)

Den Sammelband des Comics "Spell on Wheels" habe ich mir zum Geburtstag gewünscht, nachdem ich ihn mehrmals in meiner US-Timeline auf Twitter gesehen hatte. Die Geschichte rund um drei Hexen, die auf der Suche nach einem Dieb durch Amerika fahren, klang, als ob sie genau in mein Beuteschema passen würde. Kate Leth (Story) und Megan Levens (Zeichnungen) lassen die Handlung in dem Moment beginnen, in dem ein junger Mann in das Haus der drei Hexen Andy Highsmith, Jo(lene) Nguyen und Claire Bettany einbricht. Die drei jungen Frauen sind zu diesem Zeitpunkt bei der Arbeit ("Sister Witches - Tattoo & Tarot"), als sie spüren, dass jemand in ihr Heim eindringt, doch sie sind zu weit weg, um etwas dagegen zu unternehmen. Endlich zu Hause angekommen, müssen sie feststellen, dass der Eindringling nicht nur einen Großteil ihrer magischen Vorräte mitgenommen, sondern auch einen mächtigen Zauber gestohlen hat.

Auf der Suche nach ihrem geraubten Eigentum stolpern sie über den "Goblinmarkt", eine dubiose Internetseite, auf der (unter anderem) ein Teil ihrer Sachen von einem anonymen Anbieter verkauft wird. Um mehr Informationen über den Dieb zu bekommen, beschließen Andy, Jo und Claire, die Käufer ihrer Besitztümer aufzusuchen, in der Hoffnung, dass sie so am Ende auch den gestohlenen Zauber wieder in ihre Obhut bringen können. Die Handlung an sich ist in "Spell on Wheels" ziemlich simpel, da die drei Hexen nach dem Einbruch wirklich nur von einem Käufer zum nächsten fahren, um dem Dieb auf die Schliche zu kommen. Aber ich mochte die Ereignisse rund um die verschiedenen Käufer wirklich gern und noch mehr mochte ich die kleinen Szenen, die das Verhältnis von Andy, Jo und Claire zueinander beleuchten.

Dieser Band beinhaltet fünf Einzelhefte und so entwickelt sich die Geschichte auch über fünf Episoden, die vom Einbruch über das Zusammentreffen mit drei Käufer des Goblinmarkts bis zur Konfrontation mit dem Dieb gehen. Am Anfang lernt man Andy, Jo und Claire etwas besser kennen - die drei Hexen leben nicht nur zusammen in einem Haus, sondern teilen sich auch eine Jahrmarktbude, in der sie zahlenden Kunden ihre Fähigkeiten anbieten - wobei schon bei der ersten Szene mit den Frauen deutlich wird, dass sie sich auch mal über den Wunsch eines Kunden hinwegsetzen, wenn sie der Meinung sind, dass diese Person einen anderen Zauber nötiger hätte. Die drei sind sehr unterschiedlich, aber sie kümmern sich umeinander - besonders Jo und Claire, die sich anscheinend schon seit vielen Jahren kennen.

Kate Leth hat mit Jo, Claire und Andy drei wunderbare Freundinnen geschaffen, die sich mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen sehr schön ergänzen. Auch mag ich es, dass die drei Protagonistinnen in diesem Comic die verschiedenen sexuellen Präferenzen ihre Freundinnen ebenso akzeptieren wie die anderen Eigenheiten und Fähigkeiten, die zu der jeweiligen Person gehören. Dazu gehört auch, dass man als Leser nie das Gefühl hat, sie würden die verschiedenen magischen Begabungen unterschiedlich werten. Trotzdem gibt es natürlich während dieser Reise auch die eine oder andere Auseinandersetzung, die nicht nur damit zu tun hat, dass die drei Frauen den ganzen Tag im Auto aufeinanderhocken, sondern eben auch damit, dass sie Situationen und Menschen verschieden beurteilen. Einig sind sie sich aber darin, dass man denjenigen helfen muss, die ihre Hilfe benötigen, selbst wenn diese Personen unrechtmäßig in den Besitz von magischen Familienerbstücken der drei Hexen geraten sind. Ebensowenig scheuen sie aber auch davor zurück, gegen jemanden anzukämpfen, der seine Macht missbraucht.

Sympathische Protagonistinnen, eine abwechslungsreiche Handlung und Dialoge, die mich oft genug zum Schmunzeln gebracht haben, haben "Spell on Wheels" zu einer wunderbar kurzweiligen Lektüre gemacht. Dazu kommen noch die Zeichnungen von Megan Levens, die mir auch gut gefallen haben. Der Zeichnerin gelingt es nicht nur, jeder Figur eine individuelle Gestik und Mimik zu verleihen und selbst die ungewöhnlicheren Figuren glaubwürdig erscheinen zu lassen, sie schafft auch (gemeinsam mit der Koloristin Marissa Louise) wunderbar atmosphärische Kulissen für die Handlung - egal, ob die Szene dabei in einer ausgelassenen Party, in einem klassisch-amerikanischen Vorort-Heim oder einem verfallenen Haus im Wald spielt. Ich hoffe sehr, dass langfristig noch weitere Bände mit den drei Hexen erscheinen, denn ich würde die drei Frauen und ihre Welt gern noch ein bisschen besser kennenlernen.

Sonntag, 7. Januar 2018

Was schön war (1)

Was in dieser Woche schön war:


Ein Päckchen mit Erinnerungen an einen
New-York-Aufenthalt vor 18 Jahren
und das Probieren des Inhalts. ;)


Gemütliche Stunden mit Mann und Katze
und ein Tierarztbesuch mit guten Blutwerten.


Ein wunderschöner, wenn auch
dank der schnellziehenden Wolken
leider unfotografierbarer Vollmond.


Und noch eine Frühstücksverabredung
mit der ehemaligen Nachbarin
im Lieblingscafé.

Freitag, 5. Januar 2018

Christian Carayon: Dunkler See der Angst

Ich weiß nicht mehr, wo ich über "Dunkler See der Angst" von Christian Carayon gestolpert bin - vermutlich über Twitter, denn in meinem Feedreader finde ich den Titel bei keinem der abonnierten Blogs. Obwohl ich mit französischen Autoren nur selten warm werde und auch skeptisch bin, wenn es in einer Geschichte um die Tötung mehrerer Kinder geht, die vor Jahren passierte und nie richtig aufgeklärt wurde, wurde ich auf diesen Titel neugierig. Dank der schnellen Verfügbarkeit über die Onleihe konnte ich es mir auch nicht noch einmal anders überlegen und habe so in den Tagen rund um Weihnachten einige Stunden mit diesem Roman verbracht.
"Mein Leben ist von Stillstand geprägt. Ich bewege mich nur vorwärts, wenn mir nichts anderes übrig bleibt. Ansonsten stehe ich nach Möglichkeit auf der Bremse, notfalls laviere ich. Ich sehe auf meinem Weg so viele Hürden, Fallstricke und Gefahren. Sich immerzu verwunderbar zu fühlen, kostet Kraft. Man trägt schwer am Gewicht der Feigheit." (1. Absatz des 3. Kapitels von "Dunkler See der Angst")
Zu Beginn der Geschichte erzählt der Protagonist Marc-Édouard, dass der Auslöser für seine Recherchen rund um die Morde in Basse-Misère sein Psychiater war. Dieser hatte das schon dreißig Jahre zurückliegende Ereignis als Wurzel all der Ängste des Geschichtsprofessors ausgemacht und gemeint, dass nur eine Auseinandersetzung mit dem schrecklichen Vorfall seinem Patienten helfen könne. Obwohl Marc-Édouard die Therapie daraufhin abbricht, lässt ihn der Gedanke nicht los, dass er als Historiker sich mit den Morden in Basse-Misère und den Auswirkungen, die diese auf das gesamte Tal hatten, beschäftigen könnte. So bezieht er das Haus, in dem früher seine Großeltern gelebt hatten, und recherchiert detailliert die Ereignisse rund um das Wochenende, an dem das Sommerfest des Club Nautique stattfand und an dem am Sonntagmorgen die drei Leichen sowie ein weiteres schwer verletztes Kind auf einer kleinen Insel im See gefunden wurden.

Marc-Édouard erinnert sich selber an nur wenige Details aus dieser Zeit. Er war noch relativ jung (Fünftklässler), als die Kinder ermordet wurden, und kannte die Opfer eigentlich nicht. Trotzdem prägte diese schreckliche Tat von nun an sein Leben, sei es, weil seine Eltern ihn übermäßig behüteten vor lauter Angst, dass der unbekannte Mörder auch ihr Kind in die Finger bekommen könnte, oder weil die vielfältigen Gerüchte und Verdächtigungen solche Blüten trieben, dass sich der junge Marc-Édouard in der Gesellschaft seiner Nachbarn nicht mehr sicher fühlte. So ist es für ihn auch als erwachsener Mann belastend, sich mit den Ereignissen zu beschäftigen, die in dieser einen Nacht stattfanden, während er auf der anderen Seite mit den Augen eines Historikers im Laufe seiner Recherchen Unstimmigkeiten in den Aussagen der Beteiligten sowie neue Hinweise findet.

Ich muss gestehen, dass ich die Geschichte an sich recht spannend fand. Die Handlung wird sehr gemächlich erzählt und lange Zeit passiert nichts anderes, als dass Marc-Édouard immer wieder um dieselben Tatsachen und Personen kreist, dabei immer wieder die bekannten Fakten wiederholt und nur wenig neue Informationen entdeckt. Aber da ich es interessant fand, ein Verbrechen mal unter dem Aspekt der Folgen für diejenigen, die eigentlich nicht direkt von der Tat betroffen sind, zu betrachten, fand ich diese gemächliche und repetitive Erzählweise angemessen. Auch mit der Ausdrucksweise des Autors hatte ich keine Probleme, obwohl ich ja sonst französische Romane aufgrund der Blumigkeit der Sprache nicht so gern lese. Dafür war die Sicht, die der Protagonist auf die Welt an sich hat, für mich manchmal etwas schwierig, da mir Marc-Édouard mit seiner Ich-Bezogenheit, seinem ausweichenden Wesen und seiner Besessenheit von den Opfern nicht sehr sympathisch war. Aber da konnte ich noch nachvollziehen, warum Christian Carayon diese Figur so angelegt hat.

Ein wirkliches Problem hatte ich hingegen im Laufe der Geschichte mit all den Bewohnern von Basse-Misère und ihren kleinen dreckigen Geheimnissen, die von der Polizei und später von Marc-Édouard aufgedeckt werden. Denn wenn ich nach dieser Geschichte gehe, dann ist Sex die einzige Triebfeder für jegliche Art von Fehlverhalten. Der Autor hat sich viel Zeit genommen, um lang und breit zu beschreiben, wer sich von wem angezogen fühlte, wer mit wem ein Verhältnis hatte, wie "erwachsen" der Körper des dreizehnjährige Teenagermädchen, das zu den Opfern gehörte, schon war und welche Wirkung dieser Körper auf all die Männer im Club Nautique hatte. Je mehr Details man als Leser über die verschiedenen Figuren erfuhr, desto schlimmer wurde es, denn entweder war eine Person verdächtig, weil sie bekannt dafür war, dass sie von Bett zu Bett hüpfte (und das vielleicht sogar mit Bettgefährten, die nicht dem anderen Geschlecht angehörten), oder es stellte sich heraus, dass jemand doch ganz überraschend ein Alibi hatte, weil derjenige zum Zeitpunkt der Tat gerade mit jemandem Geschlechtsverkehr hatte, mit dem er nicht verheiratet war.

Am meisten hat mich in der Beziehung das Ende gestört, denn obwohl Marc-Édouard herausfindet, wer die Morde auf der kleinen Insel im See begangen hat, und obwohl er genaue Informationen über Tatablauf und Motive bekommen könnte, bleibt er bei der Version der Geschichte, die er sich selbst anhand der Indizien "erdacht" hat. Seine erdachte Variante bietet selbstverständlich eine "Erklärung" für die Verstümmelungen eines der männlichen Opfer sowie für die Vergewaltigung des weiblichen Opfers, aber er kann sich nicht sicher sein, dass sie tatsächlich richtig ist. Hier hätte ich erwartet, dass er - gerade angesichts der Tatsache, dass er Historiker ist und dass er so lange geradezu besessen von der Wahrheit hinter den Morden von Basse-Misère war - am Ende genau wissen möchte, was in dieser einen Nacht passiert ist, doch er nimmt die Gelegenheit, seine Theorie endgültig bestätigt zu bekommen, nicht wahr. Es hätte mir ein einziger Satz gereicht, in dem Marc-Édouard anmerkt, dass durch die erhaltenen Informationen seine Version der Geschichte zum Großteil bestätigt wurde. Mir ist auch bewusst, dass der "Krimianteil" in der Geschichte nur eine Krücke ist, um die Entwicklung eines schwachen und unglücklichen Protagonisten zu einem mutigeren und zufriedeneren Menschen anzustoßen. Aber das ändert nichts daran, dass ich mich darüber ärgere, dass ein eigentlich vielversprechendes Kriminalroman nach dem Lesen so viel Frustration bei mir hinterlässt.