Mittwoch, 24. Mai 2017

Jiro Taniguchi: Bis in den Himmel (Manga)

"Bis in den Himmel" von Jiro Taniguchi ist mal wieder eine Leihgabe von Natira gewesen - irgendwann muss ich mir mal einen eigenen Bestand von Taniguchi-Manga zulegen, da ich selbst die abwegigeren Titel von ihm sehr mag. Auch dieser Manga erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, die an dem Tag beginnt, an dem der 42jährige Kazuhiro Kubota und der 17jährige Takuya Onodera bei einem Unfall zusammenstoßen und lebensgefährlich verletzt werden. Beide liegen nach diesem Ereignis im selben Krankenhaus im Koma, und als Kazuhiro eines Tages aufwacht, findet er sich in Takuyas Körper wieder. Es ist für ihn absolut unbegreiflich, wie dies passieren konnte, und er weiß nicht so recht, wie damit umgehen soll, dass ihn nun jeder in seiner Umgebung für Takuya hält.

So beginnt für Kazuhiro für kurze Zeit ein neues Leben, in dem er auf der einen Seite versucht wiedergutzumachen, dass er seine Frau und seine Tochter zugunsten seiner Arbeit so lange vernachlässigt hat, und auf der anderen Seite mehr über Takuya und seine Familie herausfindet. Natürlich ist Takuyas Familie sehr irritiert, dass ihr Sohn keinerlei Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall hat und sich absolut atypisch verhält, aber Kazuhiro spürt auch eine gewisse Erleichterung bei Takuyas Eltern, dass ihr Sohn keine solch herausfordernde Haltung wie früher mehr an den Tag legt. Ich will nicht zu viel zur Handlung verraten, aber das Ganze läuft nicht darauf hinaus, dass Kazuhiro in Takuyas Körper die Chance für einen Neuanfang bekommt. Es geht vielmehr darum, dass er und andere Charaktere in diesem Manga herausfinden, was für sie wichtig ist und wie sie mit den Menschen umgehen wollen, die ihnen am Herzen liegen. Dabei verwendet Jiro Taniguchi den einen oder anderen Erzählkniff, der nicht weniger unrealistisch ist als die Grundidee - so "erkennt" zum Beispiel Kazuhiros Hund sein altes Herrchen, als er in Takuyas Körper bei seiner Familie vorbeischaut -, um die Handlung voranzutreiben.

Mir hat die Geschichte aus zwei Gründen gefallen: Einmal fand ich es - trotz Jiro Taniguchis gewohnt ruhiger und ausführlicher Erzählweise - spannend herauszufinden, was Kazuhiro vor seinem Tod so sehr beschäftigt hat, dass er unbedingt noch bleiben wollte, und zum zweiten liebe ich all die Details zum Leben in Japan und all die liebevollen und genauen Beobachtungen zum menschlichen Verhalten, die sich immer wieder in den Werken des Mangaka finden lassen. Letzteres kommt auch zum Ausdruck, wenn es um die gegensätzlichen Charaktere von Kazuhiro und Takuya geht. Beide handeln auf ihre Weise egoistisch, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Motiven (und ich bin mir relativ sicher, dass Jiro Taniguchi das vermutlich nur bei einer seiner Figuren so gesehen hat), aber nur einer von ihnen bekommt die Gelegenheit etwas an seinem Verhalten zu ändern und für die Zukunft einen neuen Weg zu finden.

Natürlich schwingt bei so einer Geschichte auch immer ein wenig der erhobene Zeigefinger mit, der einen ermahnt, das Beste aus seinem Leben zu machen und gut zu den Menschen zu sein, die einen lieben, bevor es zu spät ist, aber damit kann ich bei einer so zurückhaltenden und schönen Erzählweise leben. Allerdings sorgt das auch dafür, dass "Bis in den Himmel" trotz all der berührenden Szenen nicht mein Lieblingstitel von Jiro Taniguchi ist. Ich mochte die Charaktere und ich hatte bei Lesen immer wieder Tränen in den Augen, aber die Manga, die keine (oder zumindest eine dezenter verpackte) Botschaft beinhalten, mag ich am Ende doch lieber.

Samstag, 20. Mai 2017

Vorfreude

Vorfreude auf eine Woche mit lieben Besuch, auf nette Gespräche, auf leckeres Essen, auf viele ungewöhnliche Kinofilme und einer Mischung aus viel Unterwegssein und daheim gemeinsam die Füße hochlegen und schwatzen.


Mein Mann hat Urlaub und die To-do-Liste wird für eine Woche zur Seite geschoben, damit wir uns ganz unserem Besuch widmen können.

Ich freu mich sehr darauf!

Freitag, 19. Mai 2017

Jared Diamond: Guns, Germs and Steel - A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years

Ich muss gestehen, dass ich jedes Mal, wenn ich in den vergangenen Woche zu diesem Buch gegriffen habe, dachte, dass "Jared Diamond" klingt wie der Name des Protagonisten eines zweitklassigen Kitschromans. *g* Stattdessen ist Jared Diamond ein Evolutionsbiologe, Physiologe und Biogeograf, der für seine populärwissenschaftlichen Bücher bekannt wurde. Lustigerweise hatte ich durch Neyasha schon mehrfach von dem Autor gehört, ihn aber immer wieder verdrängt, bis ich in der Bibliothek vor dem Buch stand. Die Tatsache, dass Neyasha schon seit Jahren die deutsche Ausgabe von "Guns, Germs and Steel" weiterlesen will, war zwar nicht sehr ermutigend, aber ich dachte, ich könne ja mal reinschauen und gucken, wie ich damit vorankomme. Das Thema ist immerhin interessant, auch wenn das englische Schriftbild (wieso werden englische Sachbücher immer in so einer unangenehmen Schrift gedruckt?) mich eher abgeschreckt hat. Eine kurze Rechnung ergab, dass ich den Titel problemlos in einem Monat schaffen würde, wenn ich mir 16 Seiten pro Tag vornehmen würde. Das erschien mir durchaus machbar - und das war es auch.

Bevor ich (endlich) auf den Inhalt von "Guns, Germs and Steel - A Short History of Everybody for the Last 13.000 Years" eingehe, möchte ich noch erwähnen, dass das Buch schon im Jahr 1997 von dem Autor geschrieben wurde. Das macht die darin enthaltenden Informationen nicht falsch, aber ich bin mir sicher, dass es ein paar Aspekte darin gibt, zu denen es aktuellere Daten gibt, und die deshalb vielleicht von Jared Diamond heutzutage anders bewertet würden. Wer also ein aktuelleres Buch von dem Autor lesen möchte, sollte eher auf "Collapse - How Societies Choose to Fail or Succeed" aus dem Jahr 2005 zurückgreifen - ich muss gestehen, dass ich den Titel auch noch im Hinterkopf habe, um zu schauen, wie weit die darin aufgeführten Informationen die in "Guns, Germs and Steel" erwähnten Theorien ergänzen oder vielleicht sogar widerlegen.

Jared Diamond greift in den verschiedenen Kapiteln unterschiedliche Themen auf, wobei er bei der Entwicklung des Menschen (zum Homo Sapiens) beginnt und dann die verschiedenen Völkerwanderungen, Klima- und Vegetationsbedingungen beschreibt, bis er am Ende einen Vergleich zwischen den verschiedenen Kontinenten, ihren Startbedingungen und den verschiedenen Einflüssen zieht. Dabei beginnt er jedes Kapitel mit einer oder mehreren Fragen zu dem Thema, um sich dann von verschiedenen Seiten der Beantwortung dieser Fragen zu nähern, bevor er am Ende noch einmal kurz zusammenfasst, welche Erkenntnisse es zu dem Gebiet gibt und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Er verschweigt auch nicht, wenn zu bestimmten Themen noch keine ausreichenden Daten vorliegen, erklärt aber an diesen Stellen auch, wie und warum die Wissenschaft eine bestimmte These als die wahrscheinlichste ansieht und wieso er diese für dieses Buch heranzieht. Natürlich sind die Informationen in "Guns, Germs and Steel" sehr gedrängt und beschränken sich häufig auf den groben Zusammenhang und weite Regionen, aber durch die Zusammenfassungen zum Schluss des Kapitels hat man beim Lesen das Gefühl, dass all das gehäufte Wissen an den richtigen Platz fällt und ein schlüssiges Gesamtbild ergibt, das auch langfristig haften bleibt. (Wie langfristig, werde ich dann im Laufe der kommenden Monate sehen. *g*)

Ich fand es auf jeden Fall sehr spannend, welche Aspekte der Autor ansprach und welche Verbindungen er schafft. Es gab so einige Dinge, die nicht neu für mich waren, die ich aber nie in einem großen Zusammenhang gesehen habe und die so einen ganz neuen Eindruck auf mich machten. Gerade diese weltweite Sicht auf das große Ganze hat mich sehr fasziniert und ich fand es großartig, mich mal nicht beim Lesen eines Sachbuches fragen zu müssen, wie es wohl in einem anderen Teil der Welt aussah oder welche Auswirkungen diese eine Erfindung oder Entdeckung wohl auf andere Gebiete gehabt haben mochte. Gerade der afrikanische und südamerikanische Raum (und das ist ein verflixt großes Stück der Welt) werden in den klassischen Sachbüchern (die auf Deutsch erscheinen) häufig ausgespart, weil sie sich auf ein bestimmtes Themengebiet in Europa, Großbritannien oder Nordamerika konzentrieren und die weltweite Sicht den Rahmen sprengen würde. Ich finde es aber inzwischen ziemlich frustrierend, dass es so schwierig ist, mehr über andere Teile der Welt zu erfahren, wenn man nicht gerade Romane liest oder auf Sachbücher zurückgreift, die in Sprachen geschrieben wurden, die ich leider nicht beherrsche.

Obwohl nicht jedes Kapitel gleich spannend war, war ich überrascht, wie gut ich bei den meisten davon trotz der Faktenfülle am Ball blieb. Auch sprachlich konnte ich gut mithalten, weil Jared Diamond jedes verwendete Fachwort so gut erklärt, dass ich nichts (abgesehen von zwei Begriffen für Hirse *g*) nachschlagen musste. Allerdings ertappte ich mich zwischendurch etwas dabei, dass ich mit den Augen rollte, wenn ich den Begriff "New Guinea" las. Ich weiß, dass Jared Diamond sehr viele Jahre dort geforscht hat und mir ist auch bewusst, dass diese - lange Zeit isolierte - Inselgruppe ein wunderbares Beispiel für viele Entwicklungsschritte der Menschheit darstellt, aber manchmal fragte ich mich, ob der Autor nicht auch ein anderes Gebiet als Beispiel hätte heranziehen können. Denn obwohl sich Jared Diamond bemüht, wirklich weltweit auf die verschiedenen Entwicklungen einzugehen, so gab es doch zu einigen großen Gebiete relativ allgemeine Informationen und ich kann nur spekulieren, ob das daran lag, weil es in diesen großen Gebieten keine individuell erwähnenswerten Vorkommnisse gab oder weil es keine greifbaren archäologischen Erkenntnisse dazu gibt.

Letzteres halte ich für eher unwahrscheinlich, aber wenn der gesamte eurasische Raum bei den meisten Themen als eine Einheit behandelt wird, dann frage ich mich schon, ob es nicht doch mehr erwähnenswerte Aspekte gegeben hätte - gerade im asiatischen Raum, der ja doch auch einige vielfältige Bedingungen und Lebensweisen hervorgebracht hat. Aber vermutlich wäre das zu sehr ins Detail gegangen, denn der Autor konnte seine Theorien ja auch so überzeugend vorlegen. Erst beim Epilog gibt es Passagen, in denen sich Jared Diamond (scheinbar) widerspricht, wobei er selbst sagt, dass diese (scheinbaren) Ungereimtheiten dadurch entstehen, dass man bei einer solch weitreichenden und groben Zusammenfassung auf bestimmte Aspekte nicht im Detail eingehen kann, obwohl diese neben den geologischen, biologischen und ähnlichen Bedingungen natürlich auch Einfluss auf die Entwicklung der verschiedenen Völker gehabt hatten. Ich kann mit diesem "Widerspruch" leben, da der Autor ihn selber erwähnt und erklärt, und so schmälert das nicht meinen positiven Gesamteindruck von "Guns, Germs and Steel".

Mittwoch, 17. Mai 2017

Diana Wynne Jones und Ursula Jones: The Islands of Chaldea

"The Islands of Chaldea" ist das Buch, an dem Diana Wynne Jones arbeitete, als sie an Krebs erkrankte. Nach dem Tod der Autorin hat ihre jüngere Schwester Ursula Jones den Roman beendet, wobei sie im Nachwort anmerkt, dass sie keine Ahnung hatte, in welche Richtung ihre Schwester die Geschichte weitergedacht hätte. Sie hat nur versucht, die Hinweise zu finden, die Diana Wynne Jones für ihre Leser in den schon geschriebenen Kapiteln versteckt hatte, und sich überlegt, welche Elemente ihren schon geschriebenen Romanen gerecht würden. Ich muss zugeben, dass ich beim Lesen keine großen Brüche in der Geschichte bemerkt habe, aber es ab einer bestimmten Stelle Szenen gibt, bei denen ich mich frage, ob die noch von Diana Wynne Jones stammen oder nicht. Doch obwohl es wiederkehrend Elemente in Diana Wynne Jones' Romanen gibt, lassen sich ihre Handlungsentwicklungen einfach nicht vorhersagen, weil sie den Leser immer wieder zu überraschen wusste. Wenn also nicht irgendwann einmal Ursula Jones verrät, welche Teile von ihr und welche von ihrer Schwester sind, werde ich wohl nie wissen, ob ich mit meinem Verdacht richtig liege oder nicht - und das ist vollkommen in Ordnung so. ;)

Die Handlung in "The Islands of Chaldea" wird aus der Perspektive der zwölfjährigen Aileen erzählt, die seit ihrem fünften Lebensjahr bei ihrer Tante Beck lebt, die die Weise Frau von Skarr ist. Auch von Aileen wird erwartet, dass sie einmal diese Position übernimmt, wie es die Frauen ihrer Familie seit Jahrhunderten tun. Doch in der Nacht, in der ihre Initiation zur "Weisen Frau" passieren soll, ist etwas schiefgelaufen, und so ist Aileen sich sicher, dass sie niemals gut genug für eine solch verantwortungsvolle Position sein wird. Noch bevor sie sich von ihrer Enttäuschung erholen kann, muss sie sich mit ihrer Tante und einigen weiteren Personen auf eine Reise begeben, um eine Prophezeiung zu erfüllen. Seit Jahren werden die drei Inseln Skarr. Bernica und Gallis durch eine unsichtbaren Barriere von der Insel Logra getrennt. Die Wirtschaft leidet sehr darunter, dass dadurch der Austausch zwischen den Inseln eingeschränkt wurde. Außerdem wurde der Sohn des Hochkönigs der Inseln - gemeinsam mit seinem Gefolge, zu dem auch Aileens Vater gehörte - vor dem Errichten der Barriere von den Logra geraubt. Seitdem wird er auf der isolierten Insel gefangen gehalten.

Für den Leser gibt es in "The Islands of Chaldea" eine klassische Quest zu verfolgen. Gemeinsam mit Aileen und ihrer Tante reisen noch ein paar weitere Personen, die sie - gemäß einer alten Prophezeiung - zum Teil erst auf den anderen Inseln aufsammeln müssen. So lernt man die verschiedenen Inseln, ihre Bewohner und ihre Eigenheiten kennen, während Aileen sich im Laufe der Zeit weiter entwickelt und mehr über sich und ihre Fähigkeiten lernt. Das Ganze macht die grobe Handlungsentwicklung natürlich sehr vorhersehbar, aber das stört mich nicht, wenn die Geschichte so wie hier voller ungewöhnlicher Ideen, skurriler Charaktere und amüsanter Szenen erzählt wird. Allerdings fand ich den Schluss des Romans etwas überhastet und habe mich schon ein bisschen gefragt, was Diana Wynne Jones vielleicht anders gemacht hätte - oder ob sie überhaupt etwas anders gemacht hätte. Insgesamt war "The Islands of Chaldea" eine wunderbar unterhaltsame und entspannende Lektüre, die ich dank all der skurrilen Ideen sehr genossen habe, während ich regelmäßig beim Lesen vor mich hinkicherte. Und obwohl die vier Inseln von Chaldea nicht so ungewöhnlich für eine Fantasywelt sind, fand ich sie vielversprechend genug, dass ich mir noch ein paar mehr Geschichten von den unterschiedlichen Inseln gewünscht hätte.

Montag, 15. Mai 2017

Emma Hooper: Etta und Otto und Russell und James

"Etta und Otto und Russell und James" von Emma Hooper ist eine Zufallsentdeckung in der Bibliothek gewesen. Eigentlich hatte ich den Roman nur in die Hand genommen, um herauszufinden, ob er ein Jugendbuch ist oder nicht, da ich das Cover in der Beziehung etwas verwirrend fand - und dann bin ich nach dem ersten kurzem Anlesen hängen geblieben. Die Geschichte wird von der Autorin in einer ungewöhnlichen Form erzählt, so springt sie nicht nur von Perspektive zu Perspektive, sondern auch in der Zeit. Dabei verwendet sie eine stellenweise sehr schlichte und dann wieder überraschend poetische Sprache und lässt viele Elemente der Handlung ohne weitere Erklärung im Raum stehen, damit der Leser sich selbst ein Bild von den Ereignissen und den Figuren machen kann.

Der Roman beginnt damit, dass sich die 83jährige Etta auf den Weg zum Meer macht. Ihrem Ehemann Otto hinterlässt sie einen Brief, in dem sie ihn von ihrer Absicht unterrichtet, einen Stapel mit Rezeptkarten, damit er sich in ihrer Abwesenheit etwas kochen kann, und den Laster, während sie die über 3000 Kilometer bis zum Meer zu Fuß gehen will. Kurz überlegt Otto, ob er ihr hinterherfahren soll, beschließt dann aber, dass er Etta ihren Wille lassen wird. Vor vielen Jahren war er es, der wegfuhr und sie allein zurückließ, nun ist er an der Reihe, auf sie zu warten. Ihr Nachbar Russell hingegen kann nicht verstehen, dass Otto Etta einfach ziehen lässt. Deshalb verlässt er zum ersten Mal, seitdem er sie als junger Mann übernommen hat, seine Farm, um sich auf die Suche nach Etta zu machen.

Emma Hooper erzählt die Geschichte vor allem aus Ettas und Ottos Perspektive, wobei Russell in ihrer beider Leben immer eine große Rolle spielte. So erfährt man als Leser in kleinen und größeren Bruchstücken, wie die Kindheit der drei Personen war, wie sie aufwuchsen, wie der zweite Weltkrieg ihr Leben beeinflusste, wie Liebe und Freundschaft ihr Leben prägten und wie sich ihr Verhältnis im Laufe der Zeit immer wieder verändert hat und doch eine feste Konstante in ihrem Leben darstellte. Sehr schön gelingt es der Autorin dabei, zu zeigen, wie Etta inzwischen von Demenz beeinflusst wird. Sie erlebt auf ihrer Wanderung gute und schlechte Tage, Momente, in denen sie anderen Ratschläge geben kann und in denen sie mühelos für sich selbst sorgt, und dann wieder Phasen, in denen sie nicht mehr weiß, wer sie ist und in denen die Erlebnisse, von denen Otto ihr erzählt hat, ihre eigenen Erinnerungen überlagern. Außerdem gibt es da den Kojoten James, dem sie während ihrer Wanderung begegnet und mit dem sie im Laufe der Tage intensive Gespräche führt. Etwas gewöhnungsbedürftig ist es dabei schon, dass der Kojote Etta antwortet - interpretieren kann der Leser dabei diese Dialoge, wie er will, da die Autorin keine Erklärung für James anbietet.

Die Kindheitserinnerungen von Otto und Russell sind geprägt von den Härten der Natur in Saskatchewan, wo eine Trockenperiode dazu führte, dass die Landwirtschaft brachlag und viele ihre Farmen in den 1930er Jahren aufgeben mussten. So ist Ottos Familie arm und kinderreich, und er und seine Geschwister wechseln sich mit dem Schulbesuch ab, damit immer genügend Kinder zuhause sind, um die anfallende Arbeit zu verrichten. Doch trotz aller Herausforderungen scheint es eine glückliche Kindheit gewesen zu sein, in der man sich umeinander kümmerte, trotz all der Verpflichtungen Zeit zum Spielen hatte und trotz des Nahrungsmittelknappheit ein unerwarteter weitere Esser Platz am Tisch fand. Ich muss gestehen, dass ich diese Kindheitserinnerungen wirklich faszinierend fand und sich mir kleine Informationen aus Nebensätze tief eingeprägt haben. So war es zum Beispiel nötig, dass man den Kühen regelmäßig Augentropfen verabreichte, weil sonst der umherwehende Sand zu Entzündungen geführt hätte. Ein Teil von mir findet die Vorstellung, dass man Nutztiere in einem so unwirtlichen Gebiet hält, wirklich irritierend, während ein anderer Teil die Hartnäckigkeit, mit der die Farmer durchhielten und gegen die widrigen Umstände ankämpften, bewundert.

Diese Akzeptanz des Unausweichlichen, die ich bei den Farmern und ihren Tieren fand, durchzieht eigentlich die ganze Geschichte. Es ist - auch wenn nicht darüber geredet wird - selbstverständlich, dass Russell und Otto Etta lieben, es ist ganz natürlich, dass Etta alt und dement ist und vor allem ist das kein Grund, sie an ihrem Vorhaben zu hindern. Auch wenn es für Otto schwer ist, dass er sie ziehen lassen muss, und obwohl er sich die ganze Zeit Sorgen und Gedanken macht, so akzeptiert er, dass das etwas ist, was sie tun muss, solange sie noch dazu in der Lage ist. Ich fand die Liebe zwischen diesen drei Charakteren herzzerbrechend wunderbar. Es gibt ein paar Rezensionen, in denen behauptet wird, dass Otto Etta gar nicht lieben würde, aber für mich ist seine Liebe zu ihr in jeder Geste, in jeder Erinnerung sehr präsent. Ihm ist eben bewusst, dass seine Liebe ihm kein Recht gibt, sie aufzuhalten, und wenn das bedeutet, dass er kaum noch essen und schlafen kann, dann ist das sein Problem. Es ist sehr schwierig zu beschreiben, was diese Geschichte in mir ausgelöst hat. Ich fand sie auf jeden Fall wunderbar zu lesen, mochte die Charaktere in all ihren Facetten und kann auch gut mit dem "offenen" Ende leben, das für jeden Leser eine eigene Interpretation der Ereignisse zulässt. Ich bin mit meiner Variante davon, wie Ettas Reise endete, vermutlich zufriedener, als ich es mit einem von Emma Hooper vorgegebenen Happy End gewesen wäre.

Montag, 1. Mai 2017

Mai-SuB 2017

Frühling ist einfach nicht meine Jahreszeit und wenn ich mich nicht wohl fühle, greife ich zum Buch. Lesen macht in der Regel alles ein bisschen besser, selbst dann, wenn ich zu frustriert und unkonzentriert bin, um einer Geschichte die angemessene Aufmerksamkeit zu widmen und deshalb zu einem Roman greife, der von Anfang an nur als Pausenfüller gedacht ist. So habe ich im April sehr viel Zeit damit verbracht zu Lesen und bin insgesamt auf 19 Bücher, 6 Kurzgeschichten und 10 Comics gekommen. Für den Mai habe ich mir die Leihgaben von Natira vorgenommen, in der Hoffnung, dass ich die vor ihrem nächsten Besuch gelesen bekomme.

  1. Alan Bradley: Flavia de Luce 5 - Schlussakkord für einen Mord
  2. Alan Bradley: Flavia de Luce 6 - Tote Vögel singen nicht
  3. Marie Brennan: The Tropic of Serpents - A Memoir by Lady Trent
  4. Marie Brennan: The Voyage of the Basilisk - A Memoir by Lady Trent
  5. Marie Brennan: In the Labyrinth of Drakes - A Memoir by Lady Trent
  6. Jim Butcher: Die Verschwörer von Kalare (Codex Alera 3)
  7. Jim Butcher: Der Protektor von Calderon (Codex Alera 4)
  8. Jim Butcher: Die Befreier von Canea (Codex Alera 5)
  9. Jim Butcher: Der erste Fürst (Codex Alera 6)
  10. Mira Grant: Deadline (Newsflesh #2)
  11. Mira Grant: Blackout (Newsflesh #3)
  12. Alex Grecian: The Yard
  13. Kate Griffin: The Midnight Mayor (Matthew Swift #2)
  14. Kate Griffin: The Neon Court (Matthew Swift #3)
  15. Kate Griffin: The Minority Council (Matthew Swift #4)
  16. Kate Griffin: Stray Souls (Magicals Anonymous #1)
  17. Kate Griffin: The Glass God (Magicals Anonymous #2)
  18. Kim Harrison: Bluthexe (Rachel Morgan 12)
  19. Kim Harrison: Blutfluch (Rachel Morgan 13)
  20. Jim C. Hines: Die Buchmagier - Angriff der Verschlinger
  21. Mark Hodder: Auf der Suche nach dem Auge von Naga
  22. D. B. Jackson: Thieve's Quarry (Thieftaker #2)
  23. Diana Wynne Jones: The Dark Lord of Derkholm
  24. Diana Wynne Jones: Year of the Griffin
  25. Morgan Keyes: Darkbeast Rebellion
  26. Scott Lynch: Die Lügen des Locke Lamora
  27. Bishop O'Connell: The Stolen
  28. Jackson Pearce: Blutrote Schwestern
  29. Cindy Pon: Serpentine
  30. Bea Rauenthal: Karfreitagsmord
  31. Philip Reeve: Larklight
  32. John Scalzi: Fuzzy Nation
  33. Helen Simonson: Mrs. Alis unpassende Leidenschaft
  34. A.C.H. Smith: Jim Henson's The Dark Crystal
  35. Jonathan Stroud: Bartimäus - Das Amulett von Samarkand
  36. Rosemary Sutcliff: Troja oder die Rückkehr des Odysseus
  37. Rosemary Sutcliff: König Artus und die Ritter der Tafelrunde
  38. Charles den Tex: Die Zelle
  39. Rob Thomas: Veronica Mars - The Thousand Dollar Tan Line
  40. Gail Tsukiyama: Die Straße der tausend Blüten
  41. Uwe Voehl: Tod und Schinken
  42. Xinran: Gerettete Wort
  43. Rick Yancey: Der Monstrumologe und die Insel des Blutes

43 Titel auf dem SuB


(durchgestrichene Titel habe ich in diesem Monat gelesen)
(kursive Titel sind in diesem Monat neu hinzugekommen)