Freitag, 21. April 2017

M. C. Beaton: Agatha Raisin und der tote Richter

Als ich vor einigen Tagen Titel suchte, mit denen ich die Onleihe austesten kann, bin ich über die Kurzgeschichte "Agatha Raisins erster Fall" und den Roman "Agatha Raisin und der tote Richter" von M. C. Beaton gestolpert - den englischen Titel des Romans "Agatha Raisin and the Quiche of Death" finde ich übrigens viel hübscher. Beides habe ich dann am Sonntag gelesen und mich wunderbar amüsiert. Die Kurzgeschichte bietet einen netten Einstieg in die Welt der Agatha Raisin, weil man da schnell eine Vorstellung von ihrer Herkunft und ihren ersten beruflichen Schritten in London bekommt. Außerdem fand ich die junge Agatha liebenswerter als die deutlich ältere Version. In "Agatha Raisin und der tote Richter" ist es dann soweit, dass Agatha mit gerade mal 52 Jahren ihre erfolgreiche PR-Firma verkauft und sich in einem Cottage in den Cotswolds zu Ruhe setzen möchte.

Von diesem Cottage hat Agatha schon als Kind geträumt, nachdem sie in der Gegend einen Urlaub mit ihren Eltern verbracht hatte. Doch als erwachsene Frau muss sie feststellen, dass es nicht so einfach ist, sich dort zuhause zu fühlen. Während sie in der Stadt eine einflussreiche Geschäftsfrau war, hat in ihren neuen Dorf anscheinend niemand Interesse daran, sie kennenzulernen. Agatha ist einsam, fühlt sich ungeliebt und weiß nicht so recht, wie sie etwas an ihrer Situation ändern soll. Also beschließt sie, den anstehenden Quiche-Wettbewerb zu gewinnen, um bei ihren neuen Nachbarn Eindruck zu schinden. Allerdings bleibt ihr ohne Kochkenntnisse nur ein Weg übrig, um den Gewinn einheimsen zu können: Sie kauft die Quiche in einem Delikatessengeschäft! Umso peinlicher wird es dann, als der Preisrichter an ihrer Quiche verstirbt und Agatha zugeben muss, dass sie sie nicht selbst gebacken hat.

Agatha ist keine einfache Figur und gerade das mochte ich eigentlich an ihr - wobei es mir anfangs auch half, dass ich im Hinterkopf noch die unsichere, aber ehrgeizige junge Frau aus der Kurzgeschichte hatte. Die Geschäftsfrau ist skrupellos, hatte noch nie in ihrem Leben Freunde und an so was wie Hobbies hat sie bislang auch keinen Gedanken verschwendet. So hat sie in ihrem Ruhestand viel zu viel Zeit, die sie nicht gefüllt bekommt, weiß nicht, wie sie auf ihre neuen Nachbarn zugehen soll, um zumindest Bekanntschaften zu schließen, und kann nicht damit umgehen, dass sie schon so früh ihr "Ansehen" bei den Nachbarn verloren hat. Dazu kommt noch, dass sie sich in ihrem lang ersehnten und sehr stilvoll von einer Innenarchitektin eingerichteten Cottage nicht wohl fühlt - ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie sie das Cottage verändern kann und welche Möbel und Dekoelemente überhaupt zu ihr passen könnten.

Diese Hilflosigkeit der vor kurzem so erfolgreichen Geschäftsfrau fand ich wirklich rührend - außerdem hat das zu vielen amüsanten Szenen geführt, wenn sie mal wieder versuchte, auf jemanden zuzugehen (oder im Rahmen ihrer "Ermittlungen" an Informationen kommen wollte). Auch fand ich es schön, dass der kleine Ort in den Cotswolds zwar als sehr hübsch, aber mit all seinen Bewohnern auch angenehm realistisch beschrieben wurde. Agatha lebt nicht in einer unglaublich idyllischen Welt, sondern sie zieht in ein Dorf, in dem man auch nach zwanzig Jahren noch "zugezogen" ist und in dem die Einheimischen zwar höflich zu den neuen Nachbarn sind, aber auch deutlich machen, dass diese nicht dazugehören.

Bei all ihrer Orientierungslosigkeit ist Agatha keine dumme Frau, und so fallen ihr immer wieder Aspekte auf, die unstimmig sind oder wo Menschen, die mit dem verstorbenen Preisrichter bekannt waren, gelogen haben. So ist sie wirklich diejenige, die am Ende den Fall rund um die vergiftete Quiche löst, ohne dass die Autorin die Polizei als dumm und unfähig darstellt oder Agatha als jemanden, der eben über besonderes Hintergrundwissen oder Fähigkeiten verfügt. Dieser Realismus in der Handlung, gepaart mit sehr vielen amüsanten Szenen, die durch Agathas sperrige Persönlichkeit entstehen, hat mir wirklich viel Spaß gemacht. Leider hat meine Bibliothek nicht so viele Agatha-Raisin-Titel im Angebot, aber die vorhandenen werde ich mir bestimmt in den nächsten Monaten noch ausleihen, wenn ich Bedarf nach unterhaltsamer (und kurzer) Krimikost habe.

(Inzwischen habe ich einen weiteren Agatha-Raisin-Roman gelesen und meine Freude über die Reihe ist deutlich gedämpft. Ich glaube, ich belasse es einfach bei den beiden gelesenen Büchern und der einen Kurzgeschichte. *seufz*)

Kommentare:

irina hat gesagt…

Ich fand "Agatha Raisin und der tote Richter" sehr, sehr durchschnittlich und hatte danach keine Lust mehr, ein weiteres Buch der Serie gelesen. Ich mochte die Protagonistin nicht und fand die Geschichte ziemlich langweilig, soweit ich mich erinnere.

Ganz schrecklich ist übrigens die Verfilmung der Serie!

Winterkatze hat gesagt…

Ich glaube, dass meine Sichtweise auf die Protagonistin wirklich sehr von der vorher gelesenen Kurzgeschichte geprägt war. Ohne diesen Blick auf die junge Agatha, wäre mir die Figur vermutlich auch auf die Nerven gegangen. Aber ich mochte es wirklich, dass das Dorf nicht so unglaublich zuckerig dargestellt wurde, sondern mit realistischen, klatschenden, boshaften und gewöhnlichen Nachbarn.

Die habe ich gar nicht erst in Erwägung gezogen (nachdem ich mich über den vierten Band so aufgeregt habe). *g*

irina hat gesagt…

Wir haben nur versehentlich reingezappt, aber das war schon schlimm genug! ;)

Winterkatze hat gesagt…

Das macht man ja auch nicht! ;)

Kommentar veröffentlichen

Kommentare bei Posts, die älter als sieben Tage sind, werden von mir moderiert, um das Spam-Aufkommen in Grenzen zu halten.