Mittwoch, 19. August 2015

Pierdomenico Baccalario, Enzo D'Alò und Gaston Kaboré: Stadt aus Sand

"Stadt aus Sand" von Pierdomenico Baccalario, Enzo D'Alò und Gaston Kaboré war eine spontane Bibliotheksausleihe. Das Cover fand ich hübsch, Bücher von Pierdomenico Baccalario habe ich auch schon gelesen und wegen ihrer ungewöhnlichen Ideen gemocht und die ersten Seiten hatten mich beim Reinlesen angesprochen. Wieweit welcher der drei genannten Autoren Anteil an der Geschichte hatte, kann ich nur vermuten, aber es gibt sehr viele "afrikanische" Elemente in dem Roman, von denen ich annehme, dass sie zum Großteil dem Einfluss von Gaston Kaboré, der ein afrikanischer Regisseur ist, zuzuschreiben sind.

Die Geschichte beginnt sehr märchenhaft, während der Leser miterlebt wie sich zwei Männern - ein Geschichtensänger und ein Fürst - gegenseitig mit Worten bekämpfen. Beobachtet werden die beiden von zwei Jungen (Matuké und Setuké), die nach seiner Niederlage von dem Geschichtensänger damit beauftragt werden, ihr Dorf zu beschützen. Der folgende Zeitsprung macht deutlich, dass Matuké und Setuké diese Aufgabe viele Jahre erfolgreich bewältigt haben, doch nun sind sie alte Männer und noch immer macht der "Fürst der Stadt aus Sand" Jagd auf Geschichtensänger und es scheint keine Nachfolger zu geben, die den Schutz des Dorfes übernehmen könnten.

Erzählt wird die Geschichte vor allem aus der Sicht der jungen Rokia, die Matukés Enkelin ist. Als einziges Mädchen der Familie steht sie ihrem Großvater sehr nah, und hört - wann immer es ihr möglich ist - seinen Geschichten zu und vernachlässigt darüber nicht selten ihre Pflichten. Ich mochte Rokia sehr gern, die aufgeweckt und neugierig ist und alles in Frage stellt, ohne erst einmal das Bedürfnis zu haben an den Grundlagen ihrer Welt zu rütteln. Für sie steht felsenfest, welche Aufgaben die Männer im Dorf zu übernehmen habe und welche Tätigkeiten von den Frauen übernommen werden und sie hadert eigentlich nicht mit den Grenzen, die ihr die Traditionen auferlegen. Allerdings fragt sie sich schon, was aus einem Mädchen werden soll, das so viele Dinge nicht beherrscht, die eine Frau könne sollte, während es doch so viele Sachen tun möchte, die nur für Jungen gedacht sind.

Für den Leser steht natürlich schnell fest, dass auf Rokia größere Aufgaben warten, als die traditionelle Rolle eines Mädchens auszufüllen. Ich fand es wunderschön, wie Rokias Weg dahin beschrieben wurde und wie sie so nach und nach mehr über die Welt außerhalb ihres kleinen Dorfes lernte. Vor allem strotzt diese Geschichte von wunderbaren und eigenwilligen Charaktere, die nur selten wirklich gut und doch liebenswert sind, und von märchenhaften und bezaubernden Momente. Dazu kommen noch die vielen atmosphärischen Beschreibungen des Lebens in Rokias Dorf. Denn Rokia ist eine Dogon und in "Stadt aus Sand" wird immer wieder nebenbei eingeflochten, wie ihr Alltag aussieht, welcher Glaube ihr Leben bestimmt und welchen Traditionen in ihrem Dorf gefolgt wird, aber auch wie sich all dies durch äußere Einflüsse ändert.

Die Geschichte spielt zu einer modernen Zeit, in der Autos und Radios verbreitet sind und es ganz selbstverständlich ist, dass man beim reisenden Händler seinen Nachschub an Batterien kauft, und doch besitzt die Erzählung einen altmodischen Charme durch die - immer noch vorhandene - Naturverbundenheit, die Langsamkeit, mit der sich Rokias Volk verändert, und die märchenhaften Elemente. Ich war übrigens beim Lesen ganz froh, dass ich gerade erst vor ein paar Tagen "Afrika - Kunst und Architektur" von Ivan Bargna gelesen habe, denn so konnte ich mir das eine oder andere Detail doch noch etwas besser vorstellen, wenn ich mir die dort gesehenen Zeichnungen und Fotos noch einmal in Erinnerung rief. Aber ich bin mir sicher, auch ohne dieses Vorwissen hätte mir "Stadt aus Sand" ein rundum wunderbares, unterhaltsames und märchenhaftes Leseerlebnis bereitet. Doch, das war ein sehr guter Bibliotheksfund!

Kommentare:

mila hat gesagt…

Das Buch klingt wirklich schön. Mochtest du es auch von der Sprache her? LG mila

Neptun hat gesagt…

Das Buch klingt wirklich toll!
Ganz anders als was ich sonst so lese, aber gerade deswegen interessant. Vielleicht gibt es das bei mir in der Bücherei auch.
Danke für den Tipp!

Winterkatze hat gesagt…

@Mila: Ich mochte die Sprache sehr. Märchenhaft, aber nicht künstlich verschwurbelt und es tauchen viele Dogon-Begriffe auf, die man entweder im Anhang nachschlagen oder sich aus dem Zusammenhang erschließen kann. Einzig den Perspektivwechsel am Anfang auf Rokia fand ich etwas überraschend, weil ich das nicht erwartet hatte.

@Neptun: Für mich war es auch etwas ganz anderes und gerade deshalb umso reizvoller. Ich drücke die Daumen, dass du es ausgeliehen bekommst!

P.S.: Kann es sein, dass du für deinen Blog keinen Feed anbietest? Zumindest findet mein FeedReader keinen, was ich sehr schade finde, weil ich das Verfolgen von Blogs ohne Feed nicht so gut auf die Reihe bekomme.

mila hat gesagt…

Ah, schön, dann klingt es nach einer merkenswerten Lektüre...

Neyasha hat gesagt…

Das ist ja mal ein Zufallsfund, der sich gelohnt hat - und dann sogar noch "passend" zum Sachbuch. :-)
Ich glaube, ich sollte auch mal wieder auf gut Glück in der Bücherei stöbern.

Winterkatze hat gesagt…

@Neyasha: Das war wirklich ein schöner Fund! :) Lustigerweise lese ich gerade sehr viel "afrikanisches", ohne dass ich das geplant hätte, aber es passt trotzdem irgendwie zusammen. :D

Ja, das solltest du machen. Viel Glück beim Stöbern!

Natira hat gesagt…

Na, dann hat der Bargna ja noch etwas gebracht. :D

Die Geschichte klingt zauberhaft.

Winterkatze hat gesagt…

@Natira: Die Geschichte könnte auch was für dich sein! :) Und natürlich hat der Bargna was gebracht - auch wenn mir der Ton des Autors häufig nichts gefiel. :D

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