Montag, 4. Mai 2015

Patricia Highsmith: Trautes Heim (Hörbuch)

Mit "Trautes Heim" wurden vom Diogenes Verlag vier Kurzgeschichten von Patrica Highsmith in einem Hörbuch veröffentlicht. Gesprochen werden die Geschichten alle von Franziska Pigulla, die ihre Arbeit insgesamt sehr gut macht. Die Titelgeschichte "Trautes Heim" handelt von Olivia Amory, die ihrem Mann versprochen hat, dass sie ihrer Ehe noch eine Chance geben will und deshalb ihren Geliebten drei Monate nicht kontaktieren wird. Doch die Trennung scheint ihr so sehr aufs Gemüt zu schlagen, dass sie seitdem zu Unfällen neigt - zumindest gewinnt ihr Mann diesen Eindruck.

"Die Schildkröte" wird aus der Perspektive des elfjährigen Victors erzählt, dessen recht dominante Mutter als Illustratorin ihr Geld verdient. Sehr glücklich ist der Junge mit seiner Mutter nicht, scheint sie doch vollkommen zu ignorieren, dass er älter wird und nicht mehr wie ein Kleinkind behandelt werden sollte - und sei es nur, damit ihn die gleichaltrigen Nachbarsjungen nicht immer hänseln.

Clive, die Hauptfigur aus "Woodrow Wilsons Krawatte", würde sich hingegen definitiv nicht hänseln lassen. Der junge Mann verdient sein Geld als Lieferbote für einen Händler, trifft sich abends mit seinen Kumpels in der Kneipe und besucht in seiner Freizeit mit großem Vergnügen die Verbrecherabteilung des örtlichen Wachsfigurenkabinett. Dort findet er auch Inspiration für eine Tat, die ihn eigentlich berühmt machen sollte.

In "Ein seltsamer Selbstmord" ergibt es sich, dass Dr. Steven McCullough nach langer Zeit Roger Rane wiedersieht. Roger ist der Mann, der vor 15 Jahren Stevens große Liebe geheiratet hatte, nachdem er die Frau anlog und behauptete Steven würde sie betrügen. Dieses Verhalten hat ihm der Arzt bis heute nicht verziehen und so denkt er auf der Fahrt zu Rogers Wohnort darüber nach, wie man wohl vorgehen müsste, um einen Mord zu begehen, bei dem man nicht überführt werden kann.

Jede einzelne dieser vier Geschichten ist wunderbar bitterböse von Patricia Highsmith konzipiert worden und ich habe mich sehr gut mit den verschiedenen Figuren und den jeweiligen Mordfällen unterhalten. Allerdings muss ich auch zugeben - und das ist meinem Gefühl nach der Tatsache geschuldet, dass ich die Kurzgeschichten gehört habe und da nicht ganz so intensiv dabei war wie beim Lesen -, dass ich nach ein paar Tagen schon gut überlegen musste, welche Geschichten bei diesem Hörbuch dabei waren und welche Figuren aus welchen Gründen wie handelten. Dabei sind die jeweiligen Inhalte und Charaktere vollkommen verschieden und eigentlich nicht zu verwechseln.

Auch die Sprecherin unterstreicht die Unterschiedlichkeit der Kurzgeschichten und verleiht jeder der unterschiedlichen Personen einen angenehm individuellen Ton. Einzig bei den Schweizer Polizisten, die in der letzen Geschichte vorkommen, kann mich Franziska Pigulla nicht ganz überzeugen. Der Akzent ist nicht ausgeprägt genug, um die beiden Herren auf Anhieb als Schweizer zu identifizierend, aber doch so weit vorhanden, dass ich ob der seltsamen Betonung und langsamen Sprechweise irritiert war.

Der einzige weitere Punkt, der mich gestört hat, war, dass die Übergänge zwischen den einzelnen Geschichten zu abrupt waren. So brauchte ich manchmal einen Moment, um zu kapieren, dass die eine Episode zu Ende war und mir gerade schon der Titel der nächsten Geschichte vorgelesen wurde. Da hätte man von Seiten der Produktion ruhig etwas Mut zur Pause beweisen dürfen, um den ansonsten sehr atmosphärisch vorgetragenen Geschichten auch den nötigen Raum zum Ausklingen zugeben. Ach ja, insgesamt hatte das Hörbuch eine Gesamtdauer von 2 Stunden 16, was eine schöne Länge ist, um zwischendurch zur Abwechslung mal eine etwas andere Art Geschichte zu hören.

Kommentare:

Natira hat gesagt…

"Ein seltsamer Selbstmord" kenne ich; ich glaube, das war auf einer Starke-Stimmen-Leihgabe von Ariana drauf zusammen mit Geschichten anderer Autoren. Ich mochte sie sehr.

Winterkatze hat gesagt…

Wenn du magst, dann kann ich dir beim nächsten Austausch auch dieses Hörbuch zukommen lassen. Vielleicht passen Kurzgeschichten gerade eher für deine Ohren als längere Hörbücher. :) Patricia Highsmith gehört für mich zu den Autoren, die ich immer wieder neu für mich entdecke, mich dann frage, warum ich nicht mehr von ihnen lese und sie dann wieder vergesse, weil sie als "Klassiker" so durchgehend verfügbar zu sein scheinen. *g*

Natira hat gesagt…

Vielen lieben Dank, Winterkatze, aber nein: Ich habe noch so viele Leihgaben von Ariana und von Dir hier, da will ich erst ein wenig mit weiterkommen. :D

Winterkatze hat gesagt…

Wie du meinst. :)

Sam hat gesagt…

Danke für die Vorstellung dieser Sammlung. Ich war ja total begeistert vom ersten Riply-Roman, habe aber seitdem nichts mehr von Patricia Highsmith zur Hand genommen. Ein kurzer Blick in unseren Opac zeigt mir aber leider nur "Katzengeschichten", eine Richtung, die ich so nicht erwartet hätte. Kennst du zufällig eine oder mehrere Katzenstories von Highsmith? Ich würde es auch so zum Spaß mal wagen, klingt ja doch zu lustig!

Winterkatze hat gesagt…

@Sam: Ich habe leider bislang noch keine Katzengeschichten von der Autorin gelesen. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie ebenso unterhaltsam sind wie ihre anderen Kurzgeschichten. Wenn du es ausprobierst, bin ich gespannt auf deine Meinung. :)

Sam hat gesagt…

@Winterkatze Ich nehme das Hörbuch dann nächstes Mal einfach mit!

Kommentar veröffentlichen

Kommentare bei Posts, die älter als sieben Tage sind, werden von mir moderiert, um das Spam-Aufkommen in Grenzen zu halten.

Außerdem behalte ich mir weiterhin vor, Kommentare zu löschen, die kaum etwas mit meinem Beitrag zu tun haben und nur hinterlassen werden, um einen Link (egal, ob zum eigenen Blog oder einer kommerziellen Seite) zu posten.