Montag, 22. Oktober 2012

Jessica Kremser: Frau Maier fischt im Trüben

In letzter Zeit bin ich an Romanen, die nach deutschem Regionalkrimi klangen, eher vorbeigegangen. Irgendwie hatte ich davon ein paar zu viel und so langsam kam das Gefühl auf, dass immer mehr auf "Humor" gesetzt wird statt auf Regionalität oder gar eine stimmige Kriminalgeschichte. Trotzdem hat mich die Inhaltsbeschreibung von "Frau Maier fischt im Trüben" nicht so recht losgelassen, obwohl das Buch vom Verlag als "Chiemgau-Krimi" bezeichnet wird. Und ich bin ehrlich froh, dass ich meine Vorurteile lange genug überwunden habe, um mit Frau Maier auf Mörderjagd zu gehen.

"Frau Maier fischt im Trüben" von Jessica Kremser ist ein wunderbar leiser Krimi, bei dem es mir beim Lesen weniger um die Identität des Täters ging als um die Protagonistin. Frau Maier lebt seit ihrer Kindheit in dem kleinen Ort Kauzing am Chiemsee. Obwohl sie auch mit über sechzig Jahren immer noch die "Zugezogene" ist und kaum Kontakte im Ort hat, ist sie dort fest verwurzelt. Als Putzfrau hat sie ein sehr bescheidenes Auskommen und wenn sie nicht eine Hütte am Seeufer von ihren Eltern geerbt hätte, so würde sie trotz ihres wenig anspruchsvollen Lebensstils nicht zurechtkommen.

Es gibt eigentlich nur vier Dinge, an denen ihr Herz hängt: Elvis, gutes Essen, ihre Katze und der Chiemsee. Den See beobachtet sie nun schon seit vielen Jahrzehnten, so auch an dem Morgen, an dem sie und ihre Katze am Ufer einer Leiche finden. Da Frau Maier kein Telefon in ihrem abgelegenen Häuschen hat, läuft sie in den Ort, um die Polizei zu rufen - und in der Zwischenzeit verschwindet die Tote. Für die Behörden steht so schnell fest, dass sie es mit einer verwirrten alten Frau zu tun haben, die ihnen Ärger macht, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen.

So sieht sich Frau Maier gezwungen zu beweisen, dass sie wirklich eine Leiche gefunden hat - vor allem, da sie die Tote auch erkannt hatte und sich nun fragt, warum jemand die Frau ermordet haben könnte. Um den Mörder, der ihr Nacht für Nacht mit boshaften Streichen Angst einflößen will, zu finden, nutzt Frau Maier nicht nur die Quellen, die ihr als Putzfrau zur Verfügung stehen. Sie erkennt auch wie nützlich es nun ist, dass sie ihr Leben lang eine Beobachterin am Rande der Ortsgemeinschaft war und wie viel Wissen sie auf diese Weise über ihre Nachbarn gesammelt hat.

Mir persönlich hat das Eintauchen in Frau Maiers Welt richtig gut getan und ich hatte die einsame Frau schon nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen. Frau Maier ist durch und durch bodenständig, hat ihre täglichen Rituale, liebt die Natur (vor allem den See vor ihrer Tür) und geht jedes Problem wunderbar sachlich an. Einzig ihre Gefühle für den - schon lange mit einer anderen verheirateten - Fischer-Karli und ihre Leidenschaft für Elvis verrät, dass auch sie in ihrem Leben Träume und Wünsche hatte, die sie aber tief in ihrem Herzen verschließen musste.

Stück für Stück erfährt man als Leser mehr über Frau Maier und während sich die Situation zwischen ihr und dem Mörder immer weiter zuspitzt, verändert sich die alte Frau unmerklich. Hatte sie ihr ganzes Leben lang versucht keine Aufmerksamkeit zu erregen, so muss sie nun bewirken, dass man sie wahrnimmt und ihre Aussagen ernst nimmt. Die Suche nach dem Mörder und den Hintergründen der Tat sorgt dafür, dass auch ihre Sicht auf ihre Person ändert und dass sie Fähigkeiten an sich entdeckt, die sie sich nie zugetraut hätte.

Dabei wird Frau Maier - ebenso wie die Figuren in ihrer Umgebung - angenehm realistisch beschrieben. Sie ist eine alte Frau mit Zipperlein, leichten Gewichtsproblemen und Angewohnheiten, die nur schwer abzulegen sind. Mal musste ich beim Lesen an meine Großmutter denken, mal an eine alte Nachbarin und so gut wie nie kam mir eine Szene überzogen oder künstlich vor. Auch die Ortsgemeinschaft wird von der Autorin stimmig dargestellt. Anfangs kam es mir zwar etwas extrem vor, dass Frau Maier nach all den Jahren so wenig Kontakt gefunden hatte, aber durch ihre Persönlichkeit und die Zeit, in der sie und ihre Eltern an den Chiemsee gezogen waren, ließ sich auch das ganz gut erklären.

Einzig das Motiv des Täters hat mir nicht so gut gefallen (hach, jetzt würde ich wirklich gern mal spoilern), aber damit konnte ich leben, weil ich diese leise und unterhaltsame Geschichte rund um Frau Maier so genossen habe.

Kommentare:

Mila hat gesagt…

Liebe Winterkatze, mir geht es mit Krimis gerade wie dir. Eigentlich habe ich sie immer wahnsinnig gerne gelesen, aber in letzter Zeit wird zu viel auf den Markt geworfen und auch zu viel nicht so Gutes. Daher bin ich übersättigt. Schade dass einem dadurch dann die Perlen entgehen. Und schön dass du eine solche gefunden hast...

Seltsamwunderlich hat gesagt…

Liebe Winterkatze,

auch dieses Jahr soll es wieder ein Bücherweihnachtswichteln geben! Bisher habe ich leider noch keinen Blog entdeckt, der das Wichteln dieses Jahr ausrichtet und deshalb habe ich mich dazu entschlossen, es selbst zu organisieren. Da mein Blog nicht allzu bekannt ist, habe ich mir gedacht, ich schreibe ein paar Buchblogger an und frage nach, ob sie Lust hätten am diesjährigen Bücherweihnachtswichteln teilzunehmen. Wenn du dieses Jahr also Lust aufs Bücherwichteln hast, dann kannst du dich unter diesem Link http://t.co/CbH0b6Re genauer informieren und dich anmelden, wenn du möchtest.

Ich würde mich sehr über deine Teilnahme freuen, denn je mehr mitwichteln, desto mehr Spaß macht es! :)

Liebe Grüße
Lena

Winterkatze hat gesagt…

Liebe Mila,

mich stören zur Zeit vor allem die "Regionalkrimis", die so bemüht auf Humor oder schräge Ermittler setzen. Einen unterhaltsamen Cozy oder auch ein ungewöhnlicher Thriller kann mich zum Glück wieder packen. Aber in den Bereichen habe ich mir auch ein paar Jahre Pause gegönnt. Und ja, unter diesen Umständen ist es immer besonders schön, wenn man eine Perle wie die Frau Maier findet.

Ich finde es so schade, dass bei einem so abwechslungsreichen Genre überhaupt die Möglichkeit der Übersättigung besteht! Aber als ich gestern einen Krimi aufschlug und als erstes einen Prolog aus Tätersicht lesen durfte, hatte ich schon keine Lust mehr aufs Weiterlesen.

Winterkatze hat gesagt…

@Lena: Ich muss gestehen, dass ich mich nicht gern an solchen Wichtelaktionen beteilige. Ich beschenke (und überrasche) lieber Personen, die mir persönlich bekannt sind, und wo ich nicht an einen bestimmten Rahmen gebunden bin.

Natürlich wünsche ich dir und den anderen Wichteln viel Spaß. Ich bin mir sicher, dass du noch ein paar Mitstreiter mehr gewinnen wirst! :)

Natira hat gesagt…

Mich würde interessieren, ob der Krimi im Dialekt geschrieben ist oder nicht. Er klingt jedenfalls reizvoll.

Winterkatze hat gesagt…

Kein ausgeprägter Dialekt, nur hier und da eine Eigenheit in der Ausdrucksweise. So wird ist der Fischer-Karli eben der Fischer-Karli und nicht der Karl. ;) Für mich war das genau richtig für die Figur der Frau Maier.

Natira hat gesagt…

ah, okay ... ich halte die augen mal offen!

Winterkatze hat gesagt…

Auf die Leihliste, Natira?

Natira hat gesagt…

gern - falls es bei dir bleibt ;)

Winterkatze hat gesagt…

Das bleibt erst einmal - und sei es nur, um mich daran zu erinnern, dass ich ein Auge auf die Autorin halte und gucke, wann da noch mehr kommt. :)

Natira hat gesagt…

:)

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