Freitag, 28. Januar 2011

[Kapitelweise] Linda Kavanagh: Meinem Herzen so nah (Kapitel 66+67)

Die letzten beiden Kapitel brachten uns einmal zurück in die Vergangenheit, wo Agnes Kilmartin noch auf dem Wochenbett darüber nachdenkt, wieviel schöner ihr Leben ohne Ivan den Schrecklichen wäre – und dass sie zumindest im Tode mit Harry Sweeney vereinigt sein möchte. Auf der anderen Seite konnten wir (mal wieder) eine Begegnung zwischen Orla und Doc Gary verfolgen, die (mal wieder) voller Missverständnisse verlief. Kommunikation ist wirklich eine schon lange vergessene Kunstform, die man – zumindest bei Romanfiguren – mal wieder einführen sollte.

Perspektivwechsel: Kapitel 66 wird aus der Sicht von Mary O’Dowd erzählt

Mary und Jim sitzen in einer Kneipe und konsumieren Wodka (tsts, da sind meine Kommentatorinnen doch edleren Stoff gewöhnt). Vom Alkohol ermutigt fragt Jim, ob Mary mal mit ihm ausgehen würde – also so ohne Kinder, auch wenn er die Kinder ganz toll findet und gern im Haushalt hilft und … Kurz gesagt: Big Jim will ein Date – ist aber nicht in der Lage richtig damit rauszurücken.

Doch zum Glück hat auch Mary schon einiges gepichelt und gesteht Jim (nachdem seine Verabredungsversuche etwas unbeholfen verliefen), dass auch sie mehr als Freundschaft für ihn empfindet – und rudert dann ganz schnell zurück, weil es ja sein könnte, dass Jim das alles ganz anders gemeint hat.

Woraufhin er natürlich versichern muss, dass er es genauso gemeint hat, und das obwohl er nach Sheilas Tod (wir erinnern uns: Jugendliebe, Krebstod, Big Jims Herz galt nur noch seinen Kindern) nie wieder geglaubt hätte, dass er so empfinden könnte. Mary kann natürlich in die gleiche Kerbe hauen, denn schließlich hatte sie sich nach der Scheidung von ihrem Mann darauf eingestellt den Rest ihres Lebens ohne einen Begleiter verbringen und sich schon mal auf ihr Großmutterdasein vorbereiten zu müssen.

Während sich die beiden also einig sind, dass aus ihnen mehr werden könnte, zwicken die gute Mary Bedenken. Wenn sie häufiger mit Jim ausgehen würde, dann bräuchte sie mindestens zwei neue Kleider – und dabei brauchen doch die Kinder neue Schuhe und andere lebensnotwendige Dinge! Außerdem weiß sie gar nicht, wie sie das ständige Rumkneipen und Essengehen bezahlen soll! Also versucht sie den gerade erleichtert aufatmenden Big Jim wieder abzukühlen, indem sie ihm gesteht, dass sie nicht das Geld zum Ausgehen hat.

Nach einer kurzen Panikattacke ("Sie will mich doch nicht!" *heul*) tätschelt Jim ihr das Händchen und meint, dass er natürlich für alle Unkosten aufkommen würde.
"Aber eine emanzipierte Frau sollte doch wohl für sich selbst bezahlen können", stöhnte Mary. "Außerdem möchte ich mich dann und wann revanchieren können."
Big Jim versichert ihr darauf hin, dass er sich jederzeit über eine Essenseinladung am Familientisch freuen würde. Während sie sich darauf einigen, dass sie überhaupt und sowieso jetzt alles ganz langsam angehen, grübelt Mary auf dem Heimweg über den nächsten Schritt nach. Küsschen vor der Haustür? Kräftiges Knutschen im dunklen Garten? Noch ein Kaffee zum Abschied? Wie benimmt man sich denn heutzutage nach so einem Date? Wir erinnern uns: Mary ist Anfang vierzig und deshalb total aus der Übung, wenn es um Männer geht!

Big Jim verabschiedet sich dann mit einem Wangenküsschen und dem Versprechen sich nächste Woche zu melden und Mary schwankt zwischen Enttäuschung (Nur ein Wangenküsschen!) und Euphorie (Wer hätte gedacht, dass sie in ihrem hohen Alter noch einen Mann kennenlernen würde?!).


Perspektivwechsel: Kapitel 66 wird aus der Sicht von Dr. Gary Culhane und Orla Rogan erzählt

Doc Gary hat (mal wieder) die (Wochenend-)Nachtschicht im Krankenhaus. Eigentlich will er sich ja um den Papierkram kümmern, bevor es so richtig stressig wird, doch dann wird eine neue Patientin mit dem Rettungswagen eingeliefert. Die Dame humpelt auf den Arm eines Sanitäters gestützt in die Notfallaufnahme – und entpuppt sich als Orla Rogan!

Oops, nein, das stand ja letzte Woche an dieser Stelle! Aber da es diese Woche genauso herzlich zwischen den beiden weitergeht, müsst ihr mir meine Verwirrung verzeihen. ;)

Doc Gary teilt Orla mit der Röntgenaufnahme in der Hand mit, dass sie sich den Knöchel gebrochen hat. Dabei wirkt der gute Arzt doch etwas hämisch – seine zärtliche Phase angesichts der verletzten Orla ist wohl vorbei.

Während Orla mehr oder weniger verzweifelt, weil sie keine Ahnung hat, wie sie mit einem Gipsbein ihrer Arbeit nachgehen soll (Einwurf von meiner Seite: Ich glaube, auch mit Gips kann man im Newsroom einer Zeitung sitzen und mit der besten Freundin telefonieren.), macht Gary eine böse Bemerkung, dass so ein Gipsbein nicht bei der Arbeit, sondern auch beim abendlichen Männeraufreißen hinderlich sein wird.

Orla fragt sich, warum Gary so bissig ist, verkneift sich aber eine Bemerkung, weil er schließlich der einzige Arzt auf der Welt zu sein scheint, der ihren Knöcheln wieder richten kann. Stattdessen richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf das nächste Problem:
"Und wie komme ich in die Stadt?", fragte sie. "Ich kann doch wahrscheinlich nicht Autofahren, oder?"
Und Gary nutzt diese Gelegenheit, um noch einen draufzusetzen, und meint, dass eine ihrer Herrenbekanntschaften sich bestimmt zur Verfügung stellen würde. Orla hat natürlich keine Ahnung, was Gary meinen könnte, schließlich gibt es gar keine Männer in ihrem Leben (hey, sogar ich habe inzwischen die Übersicht über die gesammelten Kneipenbekanntschaften verloren, aber "keine Männer" würde ich dazu nicht sagen.) Inzwischen kommt sich Gary zwar etwas gemein vor, aber da sie ja so mit seinen Gefühlen gespielt hat, hat sie es nicht anders verdient. Orla hingegen kocht vor sich hin, denn ein Mann, der zuhause Frau und Kinder hat … (So langsam frage ich mich, wie weit die beiden bei der einen Party gegangen sind, dass sie sich so von der anderen Person hintergangen fühlen! *herjeh*)

Während Orla einen bösen Zeitungsbericht über einen gewissen Arzt, der seine Befugnisse bezüglich Patientinnen mit gebrochenen Gliedmaßen überschreitet, plant, ruft Doc Gary eine Schwester herbei und gibt den Gips in Auftrag. Dann verabschiedet er sich mit der liebevollen Bemerkung, dass er sich an einem Freitagabend schließlich um noch so einige weitere Betrunkene zu kümmern habe.

Nachdem der Arzt außer Sichtweite ist, regt sich Orla innerlich noch weiter auf – doch vor allem nervt es sie, dass sie trotz allem sich immer noch zu diesem unglaublichen Mann hingezogen fühlt. Dabei würde sie niemals etwas mit einem verheirateten Mann anfangen! (Hm, wie war das mit Kieran? War der nicht vermutlich ebenfalls …?) Huch, an den musste Orla auch gerade denken – und dabei eher angewidert daran denken, dass sie ihn geküsst hatte. Aber sowas tut man halt, wenn man etwas zuviel getrunken hat.

Kaum ist die Krankenschwester mit dem Gips fertig, steht auch Gary schon wieder in der Tür. Während die Schwester noch fragt, ob Orla abgeholt wird oder ein Taxi benötigt, springt Gary schon ein und meint, dass er die Patientin nach Hause bringen würde. Er hätte jetzt eh Feierabend.

Die beiden zicken sich noch etwas an, aber da Gary meint, dass sie zwar eine schreckliche Person sei, er sie aber irgendwie mögen würde, setzt er dann doch seinen Dickkopf durch. Und der Gedanken noch mindestens eine Stunde zusammen mit Orla durch die Nacht zu fahren, um sie nach Hause zu bringen macht ihn sehr glücklich. So könnte er sich fast einbilden mit ihr zusammen zu sein. Doch vor Beginn dieser Fahrt in trauter Zweisamkeit zeigt Gary Orla noch, wie sie mit den Krücken umzugehen hat. Dabei berühren sich ihre Hände und der Doc kann nicht mehr an sich halten:
"Ach, Orla", sagte er unglücklich. "Ich wünschte, wir würden uns nicht immer gegenseitig auf dem falschen Fuß erwischen. Ich möchte eigentlich gar nicht mit Ihnen streiten. Es ist nur … mir gefällt nicht, wie Sie Ihr Leben führen. Ist ein Mann denn nicht genug für Sie? Was wollen Sie denn damit beweisen?"
"Was erlaubst du dir eigentlich, du Idiot?", fauchte Orla ihn an und ging unvermittelt zum Du über. "Du hast vielleicht Nerven. Und wieso hast du mich auf der Party überhaupt angequatscht? Du hattest kein Recht dazu!"
"Woher sollte ich denn wissen, dass du verlobt bist? Du hattest kein Recht, mit mir zu flirten."
"Aha! Das du Frau und Kinder hast, stört dich aber nicht beim Fremdgehen?", schlug Orla zurück. "Es geht dich zwar nichts an, aber ich bin nicht verlobt! Und dass ich mich mit einem verheirateten Mann einlasse, kannst du schnell vergessen!"
Instinktiv hob Gary die Hand, um sie zu unterbrechen. Ein Wunder geschah … und er war überglücklich darüber.
Verständnislos starrte Orla den strahlenden Mann an. "Was ist denn jetzt wieder los? Ich möchte auch gerne mitlachen …"
"Wow! Wenn du gar nicht verlobt bist …"
"Was?!"
Gary packte Orla an den Schultern. (Was ihr bestimmt gut gefällt, mit dem gebrochenen Knöchel.) "Stimmt es, dass du nicht verlobt bist?"
"Natürlich. Ich war verlobt – mit einem Kerl namens Declan Dunne, aber das ist schon lange vorbei …"
"Und was ist mit diesem Kieran?"
"Den habe ich heute Abend beim Tanzen kennen gelernt. Und kaum hatte ich mich am Knöchel verletzt, hat er sich aus dem Staub gemacht, dieser Blödmann!"
"Und ich bin nicht verheiratet."
"Nicht?" Orlas Gesicht drückte eine Mischung aus Ungläubigkeit und Glück aus. Dann runzelte sie die Stirn: "Aber ich habe dich mit einer Frau und zwei Kindern im Café gesehen …"
"Das war meine Schwester Breda mit ihren Kindern", erwiderte Gary und hauchte einen Kuss auf ihr Haar. "Oh, Orla, meine wunderbare Orla. Bitte sag mir, dass dies der Anfang einer ganz besonderen Beziehung ist!!"
"Schon möglich, wenn du aufhörst, dich auf meinem gebrochenen Knöchel abzustützen", gab Orla zurück und hob die Lippen zum Kuss.
"Lieber Himmel, tut mir leid", sagte Gary und trat ein Stück zurück. "Ich wollte dich einfach ganz nah bei mir haben. Ich kann nur noch an dich denken, seit wir uns kennen gelernt haben."
"Und warum hast du mich dann nie angerufen?", fragte Orla und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. "Ich bin total verknallt in dich … und habe seit jenem ersten Abend kein Wort mehr von dir gehört."
"Na ja, ich habe wohl mal wieder alles durcheinandergebracht", meinte Gary. "Ich wollte dich anrufen, sobald die Sache mit dem Gericht vorbei gewesen wäre. Ich war mir nicht sicher, ob es richtig ist, mit dir auszugehen, wenn deine Freundin meine Anwältin ist."
"Es ist ja vielleicht auch nicht richtig, wenn ich deine Patientin bin", flötete Orla übermütig. Denn von der anderen Seite des Parkplatzes sahen mehrere Patienten und Pfleger neugierig zu ihnen herüber. "Bist du sicher, dass du einfach so eine Patientin küssen darfst?"
Gary grinste. "Im Moment ist mir das völlig egal. Ich kann mein Glück gar nicht fassen. Du und ich, du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich von diesem Augenblick geträumt habe!"
"Ich auch", wisperte Orla scheu. "Aber Gary, wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, dass ich verlobt bin? Ich habe doch mit Declan Schluss gemacht, noch bevor wir uns kennen gelernt haben."
Gary setzte sich hinters Steuer und fuhr vom Parkplatz (ohne Orla? *eeks*). Dabei erzählte er Orla, wie er ihren ehemaligen Verlobten kennen gelernt hatte.
"Dieser verdammte Blödmann!", fauchte sie. "Der bringt mein Leben noch durcheinander, wenn er darin schon längst nichts mehr zu suchen hat. Ohne diesen Idioten wären wir vielleicht schon seit Wochen ein Paar."
"Ganz meine Meinung", sagte Gary. "Aber jetzt bist du ja bei mir, und ich lasse dich nie wieder los." Mit diesen Worten ergriff er ihre Hand.
Orla musste laut lachen. "Dann wurde Declan also von einem Stier angefallen … Geschieht ihm ganz recht … Aber nein, das kann nicht sein …"
Orla fiel der Vorfall mit Eddie Hanlons Stier ein. Doch Declan hätte sich doch sicher nicht mehr in der Nähe des Apartmenthauses herumgetrieben, nachdem sie ihn bereits vor die Tür gesetzt hatte? (Nein, sowas würde Declan doch niemals tun …*seufz* )
Im Grund war es ihr auch egal. Zufrieden lehnte sie sich in die Polster und hielt Garys Hand während sie langsam dahintuckerten. Wie das Leben sich doch in einer einzigen Nacht verändern konnte! Joanna würde staunen.

Kommentare:

SusiB hat gesagt…

Äh, war Orla jetzt schon zum 2. Mal im Krankenhaus, aber diesmal nüchtern? Oder habe ich da was falsch verstanden?
Muß an der Senilität liegen. Bin ja auch schon über 40, wie die arme Mary.

Winterkatze hat gesagt…

@Susi: Ne, das war die Fortsetzung vom ersten Mal - da hatte Gary sie ja erst einmal nur zum Röntgen schieben lassen. Das ist aber auch nicht einfach! ;) Und wenn man dann noch dein hohes Alter bedenkt ... *ohje*

Natira hat gesagt…

Aaaalso... ich steige nicht auf Wodka um, nein, nein *stellt die von Bibendum gesponserte Flasche irischen Whisky auf den Tisch*

Aber ich muss ja sagen, bei Mary und Jimmyboy hat es sich die Autorin ja überhaupt keine Mühe gegeben: Wo sind die Missverständnisse? Wo sind die Dramen?

... Und Mary ist eigentlich auf dem richtigen Weg, um an mehr Geld zu kommen. Nein, ich meine _nicht_ Jimmiboy! Sie hat doch schon Jo zu mehr Arbeit im Büro angehalten! Das sollte Mary mal forcieren...

Gary und Orla: Gott oder Autorin sei Dank: Endlich! *trinkt daraufhin einen Whisky, prost!*

Winterkatze hat gesagt…

@Natira: Aber es beunruhigt mich trotzdem, dass du jetzt eine frische Flasche zur Verfügung hast! Denk daran, dass wir noch ein paar Wochen "Kapitelweise" vor uns haben! ;)

Mary und Big Jim sind wirklich ... laaangweilig! :D

Was Gary und Orla angeht, so darfst du dich auf noch eine Szene freuen, die ich so vage im Hinterkopf habe und die mich beim ersten Lesen etwas ... irritierte. ;)

Natira hat gesagt…

*schaut neugierig*

... und was die Flasche angeht, ich hatte gestern doch nur einen Schluck :D

Winterkatze hat gesagt…

:D

Na, dann könntest du damit bis zum Ende dieses Buches hinkommen ... ;)

Natira hat gesagt…

Schau'n wir mal :D, da ich ja auch gern mit Bibendum, Irina und auch mit Susi, falls gewünscht, teile ...

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