Montag, 15. November 2010

Guy Delisle: Pjöngjang

Guy Delisle ist ein kanadischer Comiczeichner, der eine Zeitlang für verschiedenen europäische Trickfilmstudios gearbeitet hat. Da viele dieser Studios die „Fleißarbeit“ der Produktion an asiatische Firmen vergeben, gehörte es zu Guy Delisles Aufgaben diese Arbeitsphasen in China und später in Nordkorea zu kontrollieren. So kam es, dass der Kanadier einige Monate lang in Pjöngjang gelebt und gearbeitet hat und seine dortigen Erlebnisse später in einem Comic verarbeitete. Ich muss zugeben, dass ich eine ganze Weile schon um diesen Comic herumgeschlichen bin, da mich das Thema wirklich gereizt hat. Aber mir war der Preis zu hoch, um den Band mal eben außer der Reihe zu bestellen. Glücklicherweise hat sich dann jemand meiner angenommen und mir den Comic geschenkt. Dafür noch einmal ganz vielen lieben Dank! :)

Anfangs fand ich den Zeichenstil etwas gewöhnungsbedürftig – vor allem Guy Delisles Darstellung von sich selber - , aber nach einer kleinen Zeit konnte ich besonders seine Zeichnungen wirklich genießen. Der Autor erzählt von seiner Ankunft in Nordkorea, von den Warnungen und Verhaltensregeln, die er vorher mit auf den Weg bekam – und wieweit sie dann in seinem Alltag überhaupt von Relevanz waren. Dabei dreht sich „Pjöngjang“ um zwei Schwerpunkte: Das Leben in Nordkorea aus der Sicht eines Ausländers und die Produktion von Zeichentrickfilmen (in so einem Land).

Dabei haben gerade die Teile, in denen es um die Trickfilmproduktion in dem Land ging, bei mir immer wieder die Frage entstehen lassen, ob eine Produktion unter diesen Umständen wirklich günstiger und effektiver sein kann. Allein die Sprachbarriere und kulturelle Unterschiede in Gestik und Mimik lassen so eine Produktion anscheinend zu einer Herausforderung werden. Trotzdem war es auch sehr lustig von all den kleinen Begebenheiten und Katastrophen in diesem Bereich zu lesen.

Doch vor allem hat mich Guy Delisles Wahrnehmung von Nordkorea interessiert. Viele Dinge kannte ich schon aus Büchern, die ich über das Land gelesen habe, wie zum Beispiel der Kontrast zwischen dem was man in den beiden großen Kaufhäusern Pjöngjangs kaufen kann und dem was für die normale Bevölkerung zu bekommen ist. Ich fand es faszinierend, wie sehr man bemüht ist für Delegationen einen schönen Schein aufrecht zu erhalten, während man sich wohl bei den Ausländern, die länger im Land sind, weniger Mühe gibt. Trotzdem werden auch diese von einer „Sehenswürdigkeit“ zur anderen geschleppt, immer in der Begleitung eines Übersetzers und eines Führers, die dafür sorgen, dass der Gast im Land auch nur die Dinge zu sehen bekommt, die „fremdentauglich“ sind.

Dabei gelingt es dem Autor und Zeichner mit feinem Humor und angenehm kritischen Blick auf die verschiedenen Begebenheiten einzugehen, seine eigene Reaktion auf die Kontraste im Land (imposante Gebäude, aber unübersehbare Armut in der Bevölkerung) und sein wachsendes „Trotzverhalten“ gegenüber der Ergebenheit seiner nordkoreanischen Begleiter gegenüber ihrem Führer und seiner Politik darzustellen. Dabei haben mich vor allem die Situationen bewegt, die einen Alltag in Nordkorea zeigen, der für mich persönlich absolut undenkbar wäre. Zum Beispiel die ganzen „Freiwilligendienste“, die die Bevölkerung zu leisten hat – und bei denen ich mich ständig gefragt habe, ob man diese Arbeitskraft nicht eher zum Nutzen der Menschen, statt für die Repräsentation des Staates verwenden sollte …

Wer auch nur ein bisschen Interesse an Comics und/oder Nordkorea hat, dem würde ich „Pjöngjang“ wirklich ans Herz legen! Der Band ist auch für Leute geeignet, die sich noch nicht mit Nordkorea und der Geschichte des Landes auseinander gesetzt haben, da Guy Delisle sich bemüht eventuell notwendige Hintergründe zu erklären. „Pjöngjang“ bietet einen faszinierenden, amüsanten und bedrückenden Einblick in ein Land, das sich schon so viel Jahre vom Rest der Welt isoliert hat und das inzwischen auch für seine „kommunistischen Verbündeten“ wohl kaum noch von Wert ist.

Oh, und da mir dieser Comic so gut gefallen hat, ist auch gleich "Shenzhen" - über Delisles Zeit in China - auf meinen Wunschzettel gewandert ...

Kommentare:

Susanne hat gesagt…

Klingt ja ausgesprochen interessant. Ich sehe schon, ich muss dich doch mal besuchen kommen... (Nicht, dass das nicht schon länger auf meinem Plan stehen würde, aber jetzt redet auch schon mein Mann davon, deiner Gegend mal einen Besuch abzustatten.)

Winterkatze hat gesagt…

Soso, ich seh schon: Meine Comics locken dich zu mir. ;) Du weißt, ihr seid mir herzlich willkommen. :)

Susanne hat gesagt…

Du weißt ja, dass ich schon ewig mal kommen will. Ist eigentlich verrückt, so schrecklich weit wohnen wir ja schließlich auch nicht auseinander. wir könnte und einfach mal mit einem Schönes-Wochenende-Ticket in die Bahn setzen

Winterkatze hat gesagt…

Ja, das könntet ihr. Aber hey, je länger ihr euch Zeit lasst, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr nicht im "Gästezimmer" auf dem fusseligen Teppich unserer Vormieter schlafen müsst. ;)

Natira hat gesagt…

Ich hatte Gelegenheit, in diesen Comic hineinzublättern; sah ungewöhnlich - Zeichenstil - und interessant aus ;)

Winterkatze hat gesagt…

@Natira: Ungewöhnlich passt - gewöhnungsbedürftig auch, aber wenn man sich erst einmal "eingeguckt" hat, dann ist der Comic interessant und lustig! :)

Natira hat gesagt…

Ich erinnere mich auch, daß wie Du vom Comicinhalt - Zeichnungen für einen Trickfilm beginnend in einem Land, ergänzend bzw. fertigstellend in einem anderen - erzählt hast. Das war wirklich auch überraschend.

Winterkatze hat gesagt…

Vor allem fand ich es faszinierend, dass in dem Comic auch durchklingt, dass Guy Delisle bei so einem Job dann den Koreanern erst einmal erklären muss, wie eine typische "französische" Geste in so einem Film aussehen muss. Da wird schon der kulturelle Unterschied auf eine Art deutlich, über die man sich ja sonst selten Gedanken macht.

Natira hat gesagt…

"...dann den Koreanern erst einmal erklären muss, wie eine typische "französische" Geste in so einem Film aussehen muss."

Und als Leser würde ich mich dann fragen - wie Due s ja in Deinem Post auch ansprichts - ob sich der Aufwand der "Arbeitsauslagerung" dann wirklich noch lohnt ;)

Winterkatze hat gesagt…

Finanziell scheint es sich ja zu lohnen, sonst würde die Produktion nicht von einem "Billigland" ins nächste wandern. Aber ob diese Auslagerung der gewünschten Qualität gerecht wird?

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