Freitag, 4. Juni 2010

[Kapitelweise] Linda Kavanagh: Meinem Herzen so nah (Kapitel 2)


Nachdem wir im ersten Kapitel von Joannas neuen Kanzlei erfahren haben, trifft sie zu Beginn des zweiten Kapitels im Krankenhaus ein, um Agnes Kilmartin (nur zur Erinnerung, das ist die beste Freundin von Joannas inzwischen an Alzheimer erkrankten Mutter Catherine) zu besuchen. Ein wenig graut unserer Staranwältin vor diesem Besuch, da sie erwartet, dass die energische Agnes es als persönliche Beleidigung auffassen könnte, dass sie einen Herzinfarkt erlitten hat und … äh … schlechter Laune sein könnte. Ja, ich finde auch, dass einem die Übellaunigkeit der Patienten diese Besuche auf der Intensivstation gründlich verderben können!

Noch bevor Joanna das Krankenzimmer erreicht hat, stößt sie mit Tom Kilmartin (Agnes’ Sohn) zusammen. Nachdem Tom so nett war und Joanna zur neuen Kanzlei beglückwünsch hatte, fragt die junge Dame dann doch noch nach dem Zustand von Agnes – und auch Tom betont erst einmal, dass seine Mutter vor Wut über diese unpassende Herzattacke kocht. Ganz subtil wird dem Leser bei der Gelegenheit noch vermittelt, dass die gute Agnes sich erst vom Notarztwagen hat ins Krankenhaus bringen lassen, nachdem sie ihre Sachen durchwühlt und ein bestimmtes Dokument gefunden hatte. Humorvoll wie der nette Tom ist, scherzt er noch mit Joanna darüber, dass Agnes bestimmt ihr Vermögen einer mysteriösen Sekten oder dem Tierheim hinterlassen hat.

Was für ihn natürlich alles in Ordnung wäre, so dass sich Joanna keine Gedanken machen muss, sollte sie in dem Testament seiner Mutter eine solche Klausel finden! (Ist das nicht ein netter Junge? Da liegt seine Mama im Sterben und trotzdem denkt er darüber nach, dass es Joanna unangenehm sein könnte, ein Testament mit seltsamen Klauseln zu vollstrecken. Ein wahrer Mann denkt eben doch immer erst an die Frau an seiner Seite. *g*) Was auch kein Wunder ist, denn als Joanna ihn darauf hinweist, dass er das Haus in Ballsbridge bestimmt vermissen würde, erinnert auch Tom sich an die schönen gemeinsamen Stunden am Gartenteich. Solche Naturbeobachtungen verbinden eben für ein ganzes Leben.

Als Joanna dann endlich zu Agnes ins Zimmer tritt, ist sie geschockt vom Anblick der Kranken, lässt sich aber schnell von ihr davon überzeugen, dass Agnes’ letzte Stunde geschlagen hat und man deshalb ganz schnell über das Testament reden muss. Das Dokument ist nämlich schon etwas älter, genau genommen hat die Patientin es nach dem Tod ihres Mannes (mit dem hübschen Namen Ivan) aufgesetzt, und außerdem ist es etwas vage formuliert. Damals war das kein Problem, denn schließlich sollte Catherine die Testamentsvollstreckerin sein – und als beste Freundin war sie natürlich in Agnes’ Geheimnisse eingeweiht und hätte alles diskret regeln können.

Denn Diskretion scheint hier angebracht gewesen zu sein, warum sonst sollte die Patientin ihr bisschen Atemluft noch damit verschwenden, dass sie mehrfach betont, dass sie ja nur ein paar unschuldige Menschen hätte schützen wollen. Joanna hingegen sieht mit einem Blick, dass das Testament erst einmal nur „die üblichen Klauseln“ enthält, dass Tom sein Elternhaus erben wird (was hoffentlich noch viele gemeinsame Stunden am Gartenteich verspricht) und dass Agnes’ Vermögen zwischen „den Nachkommen von Ivan Kilmartin und Harry Sweeney“ aufgeteilt werden soll.

Statt nun mal konkret nachzufragen, was es mit diesem Satz auf sich hat, behauptet unsere Heldin, dass sie das ja gar nichts angeht (worauf hin Agnes einwirft, dass sie das sehr wohl etwas angeht, da sie ja das Testament vollstrecken soll – warum haben die klugen Frauen immer nur die kleinen Nebenrollen?). Doch bevor die beiden noch weiter darüber reden können, muss Joanna ja erst noch das Dokument zu Ende lesen und stolpert über seltsame Wünsche bezüglich der Beerdigung. Was für Wünsche das sind, wird an dieser Stelle nicht verraten – schließlich muss die Autorin ja Spannung aufbauen! ;)

Doch in einem Punkt gibt Joanna – gekonnt unauffällig – ihrem Wissensdurst nach:
„Wer ist denn eigentlich dieser Harry Sweeney?“

Und da auf dem Flur schon das Nahen einer dieser „schrecklichen Krankenschwestern“ zu hören ist, fasst sich Agnes bei ihrer Antwort schön kurz:
„Harry Sweeney saß 1970 wegen Mordes in Untersuchungshaft. Er starb im Mountjoy-Gefängnis, ohne je …“

Zu unserer aller Bedauern betritt an diesem Punkt die Krankenschwester das Zimmer und verbietet jede weitere Unterhaltung für heute. Irgendwie beschleicht mich der Verdacht, dass das Beenden des Satzes den ganzen Roman überflüssig gemacht hätte. ;)

Aber da es Agnes so schlecht geht, verabredet man sich lieber wortreich für den nächsten Tag. Dann soll ein neues Testament aufgesetzt und die ganze geheimnisvolle Geschichte erzählt werden – auch der gute Tom soll dann endlich erfahren, was seine Mutter ihm schon so lange hätte beichten müssen, sich aber nie getraut hat, weil der Junge ja schlecht von ihr denken könnte. Auch befürchtet die arme Agnes, dass Joanna von all den Enthüllungen des nächsten Tages schockiert sein könnte. Nachtigall, ick hör' dir trapsen …

Oder anders ausgedrückt: Die Geschichte scheint im überaus katholischen Irland im Jahr 1970 ihren Ursprung zu haben. Die subtilen Hinweise lassen mich natürlich vollkommen ratlos dastehen und ich habe absolut keine Ahnung, in welche Richtung sich die Handlung weiterentwickeln könnte.

Doch Linda Kavanagh sorgt mit Joannas Nachtgedanken dafür, dass sich der Leser auch wirklich der Brisanz dieser ganzen Andeutungen bewusst wird! Denn die Anwältin fragt sich nicht nur, was die Witwe eines reichen Bauunternehmers (also Agnes) mit einem Mordverdächtigen (also Harry) zu tun haben könnte, sondern auch was Tom davon halten wird, dass er als „Nachkomme Ivan Kilmartins“ sein Erbe mit den unbekannten „Nachkommen Harry Sweeneys“ teilen muss. Hm … vielleicht hätte die Autorin noch Schautafeln zum Ausmalen in den Roman einbauen könnten, damit ich mir all diese Namen und möglichen Verbindungen merken kann … *g*

Nach diesen gewichtigen Gedanken folgen zwei Absätze darüber, dass Joanna eine kleine schwarze Katze hat, die sich sogar heute Nacht ins Haus zurückrufen lässt. Eine Tatsache, die die Anwältin mit Erleichterung erfüllt, da die Katze 1. ein guter Wärmflaschenersatz ist und 2. nicht sterilisiert – und so hat Frauchen natürlich Angst, dass sich die Kleine in der Nacht mit fremden Kater einlassen könnte. Abgesehen davon, dass wir hier über eine Romanfigur reden, bringt mich dieser kleine Ausflug in die Nöten dieser Katzenhalterin auf die Palme. Im Haus lassen bis das Tier sterilisiert ist, würde so einige Probleme lösen – und Geld scheint Frau Anwältin ja genug zu haben, sodass die Tierarztkosten wohl keine Sorge bereiten sollten. *grummel*

Und schon folgt noch eine Wiederholung all der rätselhaften Fragen, die Joanna bezüglich des Testaments durch den Kopf gehen – ohne die hätte ich das bestimmt nach der halben Seite, die seit der letzten Runde vergangen ist, vergessen! Außerdem gibt es noch ein kleines Nachdenken über Tom, welches ich euch nicht vorenthalten will:

Sie hatte sich gefreut, Tom nach all den Jahren wiederzusehen. Er war wirklich eine höchst attraktive Erscheinung. In einem Anflug von Frivolität fragte sie sich, warum er wohl niemals geheiratet hatte. Vielleicht war er ja mit seinem Beruf verheiratet. War es bei ihr nicht genau dasselbe? Hier stand sie, fast fünfunddreißig und kein Mann in Sicht. Joanna seufzte. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sie beide Einzelkinder waren …

Ja, ich bin mir ebenfalls sicher, dass Einzelkinder dazu verdammt sind für immer Single zu bleiben – hat jemand mal ein paar Studien zur Hand, die diese Theorie belegen? *ohje*

Und um die Einsamkeit der armen Joanna noch zu betonen, folgen auf diesen hübschen Absatz zwei Seiten, in denen sie sich noch einmal vor Augen führt, wie ihre Eltern dahinsichten, wie ihr Vater starb und wie sie nach seinem Tod die Mutter ins Pflegeheim bringen musste. Okay, somit ist auch geklärt, was aus Joannas Vater geworden ist. Wieder ein Punkt in der Biografie der Dame abgearbeitet. Dann trinkt sie noch Tee, auf den sie keine Lust hat, aber sie ist ja zu unruhig, um ins Bett zu gehen und so werden wieder ein paar Absätze geschunden bis wir dieses Kapitel beinah beendet haben. Doch vorher kommt noch ein Anruf:

„Gerade als sie zu Bett gehen wollte, läutete das Telefon. Da sie allein lebte, ging Joanna normalerweise so spät nachts nicht mehr an den Apparat. Sie hatte keine Lust, Betrunkene abzuwimmeln, die sich verwählt hatten, oder irgendwelche Perversen, die wissen wollten, welche Farbe ihre Höschen hätten.“

Nunja, bei nächtlichen Anrufen denke ich eigentlich eher an Notfälle (vor allem, wenn ich vorher gerade im Krankenhaus war), während ich die betrunkenen oder perversen unbekannten Anrufer der letzten 20 Jahre locker an einer Hand abzählen könnte. Aber vielleicht ist das in Irland anders … da bekommen die Singlefrauen bestimmt jede Nacht solche Anrufe!

Sie zögerte, doch dann war die Neugier stärker. Wenn es ein Perverser sein sollte, konnte sie ja immer noch einhängen …

Ganz überraschend ist dann doch kein Perverser am Telefon, dafür hat Joanna Tom am anderen Ende der Leitung. Mit gebrochener Stimme teilt er ihr nach einem kurzem „Hallo“ folgendes mit:

„Ich sollte dich eigentlich so spät ja auch nicht mehr anrufen, aber ich wollte nicht, dass du unnötig Zeit verlierst.“
„Was meinst du damit?“
„Du musst morgen früh nicht mehr ins Krankenhaus. Meine Mutter ist vor einer halben Stunde gestorben.“


Und mit diesem dramatischen Satz endet das zweite Kapitel!

Kommentare:

evi hat gesagt…

OMG, wie überraschend, dass die gute Agnes frühzeitig das Zeitliche gesegnet hat. Man sollte sich genau in solchen Situationen wirklich Zeit lassen mit Geständnissen und Testamenten.
Werden wir denn jetzt jemals herausfinden, was es mit dem Knacki Harry auf sich hat? Vielleicht wird Joannas Mutter trotz Krankheit einen lichten Moment haben, um Klarheit in die Sache zu bringen?
Ich fiebere gespannt den weiteren Ereignissen entgegen!

Winterkatze hat gesagt…

Ja, ich war auch vollkommen geplättet von dieser unvorhersehbaren Entwicklung! *g*

Nur gut, dass all dieser Personen so genau wissen, welche Prioritäten die jeweilige Situation verlangt - so ist es kein Wunder, dass es die Geschichte auf 93 Kapitel gebracht hat! ;)

evi hat gesagt…

93?? Hältst du das durch bis zum Schluss?

Winterkatze hat gesagt…

Wenn ich mich recht erinnere, dann sind einige Kapitel so kurz oder ereignislos, dass man sie in einem Beitrag mit anderem zusammenfassen kann! Solange ich jemanden habe, der den Kram auch liest, klappt das schon. ;)

Natira hat gesagt…

*schmunzelt u.a. über "..dass Tom sein Elternhaus erben wird (was hoffentlich noch viele gemeinsame Stunden am Gartenteich verspricht)..."*

Hm... Ich frage mich, wo und wie das Testament wohl geändert werden sollte ... Aber das werde ich wohl nur erfahren, falls es ein Kapitel über eine Seance gibt, in der Agnes Kontakt (mitwemauchimmer) aufnimmt.

Wie fürsorglich von der Autorin, daß sie für die Leser die Ereignisse im Krankenhaus noch einmal in Form von "kleinen Nachtgedanken" zusammenfaßt :)

DRAMA (nicht nur das Kapitelende, sondern auch der Schreibstil *ächsz*)!

Winterkatze hat gesagt…

@Natira: Ach, ich bin mir sicher, dass Super-Joanna auch ohne Seance herausfindet, was Agnes eigentlich im Sinn hatte - und dann löst sich am Ende alles in Wohlgefallen auf! ;)

Außerdem fürchte ich, dass die Autorin auch die nächsten Kapitel so fürsorglich mit den Lesern umgehen wird. Vielleicht sollten wir eine Strichliste führen ... *kicher*

Na, freust du dich auch schon auf die weiteren Dramen, wenn es schon das zweite Kapitel so unglaublich endet? ;D

Natira hat gesagt…

Aktuell fiebere ich dem nächsten Freitag entgegen, vermutlich wird sich das mit fortschreitender Kapitelzahl zu Fingernägelkauen ausweiten :)

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