Donnerstag, 3. Dezember 2009

Dörthe Binkert: Weit übers Meer

Zwei Dinge sind es, die mich an „Weit übers Meer“ auf Anhieb angesprochen haben: Die Idee zu dem Roman kam der Autorin aufgrund eines Artikels, der ursprünglich im Jahr 1904 in der New York Times erschien und von einer Frau berichtete, die im Abendkleid als Blinder Passagier die Stadt erreichte – und dann noch die Zeit. Ich mag einfach diese Aufbruchstimmung zu Beginn des 20sten Jahrhunderts. Geschichten vor und nach dem Ersten Weltkrieg haben häufig eine ganz besondere Atmosphäre, die mir einfach ein schönes Gefühl beim Lesen vermittelt.

In „Weit übers Meer“ betritt am Abend des 23. Juli 1904 eine wunderschöne Frau in einem edlen weißen Abendkleid die „Kroonland“. Der Überseedampfer fährt von Antwerpen nach New York und hätte schön längst ablegen sollen, doch es kam zu technischen Problemen (wobei ich es schön finde, dass die Autorin den Leser später sogar noch darüber aufklärt, welche Probleme es gab :) ). Noch bevor bekannt wird, dass die Frau im Abendkleid eine Blinde Passagierin ist, berührt sie die Reisenden an Bord auf unterschiedliche Weise.

Aufgrund ihrer eindeutig edlen Herkunft erlaubt ihr der Kapitän die Überfahrt in einer Kabine der Ersten Klasse zu machen und die Abende mit den Passagieren zusammen zu verbringen. So lernt man nicht nur Valentina Gruschkin kennen und erfährt so nach und nach, was sie dazu veranlasst hat, auf so ungewöhnliche Art und Weise die Reise nach Amerika anzutreten, sondern auch viele andere Personen der Ersten Klasse. Henri, ein Bildhauer, der auf dem Weg zur Weltausstellung in St. Louis ist, hängt mit seinen Gedanken immer noch bei seiner Geliebten, die ihn verließ, weil er sie nicht heiraten wollte. Er gehört zu den Charakteren, denen einiger Platz in der Geschichte eingeräumt wird. Aber auch viele kleine Begebenheiten oder Wortwechsel zwischen den verschiedenen Paaren oder Familien tragen dazu bei, dass man sich ein gutes Bild vom Leben dieser Personen – und häufig auch von ihren Wünschen und Träumen – machen kann.

Dörthe Binkert gelingt es sehr schön auf der einen Seite die Atmosphäre auf dem Schiff zu beschreiben, in der die Enge und ein Sturm zu recht schnellen Vertraulichkeiten führen, und auf der anderen Seite die Gesellschaft und die Stellung der Frau in ihr darzustellen. Gerade dieser Kontrast zwischen den althergebrachten Konventionen, den Wünschen, die die Frauen für ihr Leben haben und den Veränderungen, die die Zeit mit sich bringt, ist wirklich gut zu lesen. Und doch plätschert der ganze Roman ein bisschen vor sich hin …

Es gibt keine wirklichen Höhen oder Tiefen in der Geschichte, keine großen Spannungen und keine Stellen, an denen ich gar mitleiden konnte. Ich fand „Weit übers Meer“ interessant und sehr entspannend, hatte aber auch kein Problem damit das Buch aus der Hand zu legen, um mich an den Abwasch oder eine andere langweilige Tätigkeit zu begeben. Eigentlich ist es der perfekte Roman für meine Mutter, die früher jahrelang nichts gelesen hat, weil sie immer nur für ein paar Seiten am Stück Zeit hatte – und beim nächsten Mal schon nicht mehr wusste, worum es ging. Das passiert einem bei „Weit übers Meer“ nicht, dafür stört es eben auch nicht, wenn man nur hier und da einen Abschnitt liest, sich ein bisschen mit dem Leben einer Figur beschäftigt und sich dann einer anderen Beschäftigung widmen muss. ;)

Kommentare:

Natira hat gesagt…

Letzte Woche hatte ich dieses Buch auch in der Hand und ein wenig darin geblättert. So recht "angesprungen" hat es mich nicht und da es ja so viele Bücher zu entdecken gibt, habe ich es stehengelassen :)

Winterkatze hat gesagt…

Ich glaube auch, dass es Bücher gibt, die dir mehr Freude bereiten würden. ;)

Für mich war "Weit übers Meer" etwas, das ich mir nicht ausgesucht habe - und ich fand es angenehm zu lesen. Aber es fehlten eben die extremeren Lesemomente, die einem ein Buch unvergesslich machen. So war es einfach nur ganz nett ...

Kommentar veröffentlichen

Kommentare bei Posts, die älter als sieben Tage sind, werden von mir moderiert, um das Spam-Aufkommen in Grenzen zu halten.