Montag, 19. Juni 2017

Leseeindrücke - Die "Cozy"-Variante (1)

Vor einigen Wochen habe ich das kostenlosen eBook-Bundle "Sleuthing Women - 10 First-in-Series Mysteries" runtergeladen, weil ich hoffte, ich würde über Autorinnen in diesem Genre stolpern, die mir gut gefallen. Um meine Gedanken zu den zehn Romanen festzuhalten und auch mal zwischen den verschiedenen Titeln Vergleiche ziehen zu können, gibt es (aufgrund der Menge) gleich zwei Sammelposts mit "Leseeindrücken". Der zweite Teil wird freigeschaltet, wenn ich die nächsten fünf Romane gelesen habe - nach den ersten fünf Titeln brauche ich erst einmal wieder Abwechslung beim Lesen. ;)


1. Lois Winston: Assault With a Deadly Glue Gun (An Anastasia Pollack Crafting Mystery 1)

Hätte mir jemand vorher gesagt, was Anastasia Pollack in dieser Geschichte alles erleben würde, ich hätte vermutlich die Finger von dem Roman gelassen, weil ich das Ganze für zu überzogen gehalten hätte. Lois Winston hält definitiv kein Maß, wenn sie ihrer Protagonistin Schwierigkeiten bereiten will. So ist Anastasia dank ihres verstorbenen Mannes überschuldet und darf sich mit einem Kredithai rumschlagen. Außerdem teilt sie sich das Haus nicht nur mit ihren beiden Teenager-Söhnen, sondern auch mit ihrer Schwiegermutter (überzeugte Kommunistin und Besitzerin eines französischen Bulldogge), ihrer Mutter (angebliche Nachfahrin des russischen Zarenhauses und Halterin einer Perserkatze) und einem geerbten, Shakespeare-zitierenden Papagei. Da das Ganze noch nicht genug ist, wird auch noch Anastasias Kollegin ermordet und die Polizei ist sich sicher, dass sie die Mörderin ist.

Trotz dieser extrem überzogenen Handlung war "Assault With a Deadly Glue Gun" wirklich nett zu lesen und ich habe immer wieder vor mich hingeschmunzelt, weil einfach klar war, dass an der nächsten Ecke wieder irgendeine Katastrophe auf Anastasia warten würde, die zu weiteren Komplikationen führt. Außerdem mochte ich, dass die Protagonistin sich nicht unterkriegen ließ und je nachdem stoisch, wütend oder schlagfertig mit den verschiedenen Situationen und Figuren umging. Es fühlte sich beim Lesen auch überraschend stimmig an, dass Anastasia die einzige normale und bodenständige Person inmitten lauter skurriler Gestalten und Ereignisse war. Ich bin selbst ganz überrascht, wie entspannend und unterhaltsam ich diesen Roman fand, wo ich doch sonst gern mal von überzogenen Elementen genervt bin.


2. Jonnie Jacobs; Murder Among Neighbors (A Kate Austen Suburban Mystery 1)

"Murder Among Neighbors" war nett zu lesen, solange ich dabei war, aber danach auch schnell wieder vergessen. Ich muss aber zugeben, dass ich es mochte, wie Jonnie Jacobs das Leben ihrer Protagonistin ausbalancierte. Kate Austen hat eine Tochter, die ihr sehr wichtig ist und mit der es auch so was wie Alltag in der Geschichte gab. Aber dieser Alltag behinderte die Handlung nicht, sondern sorgte dafür, dass die "Ermittlungen" vorwärts ging. So gab es zum Beispiel Gespräche mit anderen Müttern oder mit Kindermädchen von Schulfreundinnen, in denen Kate neue Informationen über ihre ermordete Nachbarin sammeln konnte,

Auch hält sich Kate nicht für besser als die Polizei, sondern sie erzählt dem ermittelnden Polizisten in der Regel jedes Detail, das sie herausgefunden hat (inklusive Informationen, von denen sie sich nicht sicher ist, ob sie überhaupt relevant sein könnten). Zum Teil hängt das natürlich auch damit zusammen, dass sie sich zu dem Ermittler hingezogen fühlt und ein Verhältnis mit ihm beginnt, aber es liest sich so, als ob sie auch ohne diese Beziehung kein Problem damit gehabt hätte, alles der Polizei zu überlassen. Ich fand es schön, mal wieder ein Buch mit einer angenehm normalen, sympathischen und vernünftig handelnden Protagonistin zu lesen.


3. Judy Alter: Skeleton in a Dead Space (A Kelly O’Connell Mystery by Judy Alter 1)

"Skeleton in a Dead Space" hätte eigentlich meine Art von Cozy sein müssen, da es nicht nur um den Fund eines Skeletts geht, sondern auch um alte Häuser, Renovierungen und Einrichtungen. Doch Judy Alter hat es geschafft, mir mit ihrer Protagonistin so auf die Nerven zu gehen, dass ich das Buch beinah abgebrochen hätte und nur dabei bleib, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich 245 Seiten so hinziehen können. Man begleitet Kelly O'Connell als Leser nicht nur bei sämtlichen Alltagserledigungen (sehr viel die beiden Töchter hin und her fahren und ein schlechtes Gewissen haben, weil sie ihnen ständig Fast Food zu essen gibt, statt richtig zu kochen, sowie die - nicht sehr realistisch dargestellte - Arbeit als Marklerin), sondern darf dank der Ich-Perspektive auch all ihre Gedanken zum Skelett-Fund mitverfolgen.

Gedanken, die nahelegen, dass die Protagonistin das Gefühl hat, sie sei die einzige Person, die ein Interesse daran hat, dass die Tote identifiziert und ihr Mörder gefunden wird. Dabei gibt es nicht einen einzigen Moment, in dem die Polizei (speziell der mit ihr befreundete Polizist Mike) Desinteresse oder Unfähigkeit zeigt. Ich bin mir auch sicher, dass die Polizei ebenfalls in der Lage ist, alte Datenbanken nach Hauseigentümern und Steuerunterlagen zu durchsuchen - und das sogar, ohne die beiden Töchter der Protagonistin in Gefahr zu bringen. Je besser ich Kelly kennenlernte, desto weniger konnte ich diese Figur leiden und desto weniger konnte ich ihre Motive, ihre Gedanken und ihre Taten nachvollziehen. Ne, das war definitiv kein Roman für mich - vor allem, da ich gerade erst mit "Murder Among Neighbors" ein so viel besseres Beispiel einer "ermittelnden Mutter" hatte!

Oh, noch einen Aufreger hielt der Roman für mich bereit, da die Autorin anscheinend irgendwann die Geschichte von der 3. Person in die Ich-Perspektive umgeschrieben hat - und dabei ab der Hälfte der Kapitel beim Nachbearbeiten diverse Sätze übersehen hatte, bei denen man dann raten durfte, ob die Protagonistin oder irgendjemand anders gerade redet. Das passierte auch gern mal innerhalb eines Satzes mit gerade mal neun Wörtern inklusive Nebensatz - und trieb mich beim Lesen alle paar Minuten auf die Palme.


4. Maggie Toussaint: In for a Penny (A Cleopatra Jones Mystery 1)

Uuuund Auftritt der unerträglichen Protagonistin Nummer 2! Ich weiß nicht, was ich beim Lesen schlimmer fand: Die Tatsache, dass Cleo in dem Moment, in dem sie beim Golfspielen über eine Leiche stolpert, ihre Libido wiederfindet und sich am liebsten an Ort und Stelle vom Golftrainer vernaschen lassen würde, oder dass sie auf der einen Seite ach so rational sein soll (sie ist Steuerberaterin) und auf der anderen Seite grundsätzlich jede Person verdächtigt, der Mörder/die Mörderin zu sein. Außerdem gibt es auch in dieser Geschichte eine total amüsant gemeinte Mutter, die der Protagonistin das Leben schwer macht, nachdem Cleo nach ihrer Scheidung mit ihren beiden Töchtern dort eingezogen ist. Und dazu noch die beste Freundin, die in mir das Gefühl aufkommen lässt, dass die beiden Frauen nur deshalb befreundet sind, weil Cleo neben ihrer Freundin besser dasteht - oder sollten all die Momente, in denen sich die beiden am liebsten gegenseitig an den Hals gegangen wären, lustig sein? Überhaupt fürchte ich, dass ganze viele Szenen, die ich unerträglich fand, weil sie von der Dummheit/Ignoranz/Verklemmtheit der Protagonistin zeugten, humorvoll gemeint waren. Nachdem ich mich dabei ertappte, dass ich nach ein paar Absätzen das Buch immer aus der Hand legte, weil ich Cleo nicht länger ertragen konnte (und jedes Mal auch noch meinem Mann erzählte, wie bescheuert die letzten Absätze waren), habe ich den Roman abgebrochen. Das Durchhalten hätte sich hier höchstens gelohnt, wenn ich ein "Kapitelweise" daraus hätte machen wollen.


5. Camille Minichino: The Hydrogen Murder (A Periodic Table Mystery 1)

Nach den vorherigen beiden Romanen war "The Hydrogen Murder" eine Wohltat! Die Protagonistin Gloria ist eine 55jährige Physikerin, die ihre Stelle in einer Forschungseinrichtung erst einmal an den Nagel gehängt hat, um nach 30 Jahren Abwesenheit in ihre Heimatstadt zurückzukehren. Gloria will sich ein Jahr gönnen, um darüber nachzudenken, was sie mit ihrem Leben anfangen will. In der Zwischenzeit wohnt sie über dem Bestattungsinstitut von Freunden und arbeitet unter anderem als wissenschaftliche Beraterin für die Polizei. So wird sie auch herangezogen, als ein Physiker in seinem Labor erschossen wird, und kann der Polizei nicht nur mit ihrem beruflichen Wissen nutzen, sondern den Ermittlern auch den einen oder anderen privaten Einblick auf die Beteiligten gewähren, da sie viele davon durch gemeinsame Forschungsprojekte kannte.

Es war so schön, endlich mal wieder eine Geschichte mit einer vernünftigen, realistisch dargestellten, intelligenten Protagonistin zu lesen. Der Fall selbst dreht sich auf den ersten Blick vor allem um die Frage, ob bei der Forschung, die der Tote mit seinem Mentor betrieb, alles mit rechten Dinge zuging, was einige - auch für den Laien gut erklärte - Passagen über Physik mit sich bringt, die ich erstaunlich interessant fand. Auch fand ich es schön, dass Gloria zwar in die Ermittlungen involviert war - und unbedingt herausfinden wollte, wer ihren Bekannten umgebracht hatte -, aber gleichzeitig auch sehr bemüht war, keine Grenzen zu überschreiten. Glorias Privatleben hängt zwar in der Schwebe, aber das ist ein bewusst von ihr gewählter Zustand, und der Polizist, mit dem sie zusammenarbeitet, ist weder ein Idiot noch ein unwiderstehlicher Adonis. Sie fühlt sich zwar sehr zu ihm hingezogen und würde ihn gern besser kennenlernen, aber ganz ohne Teenie-hafte Schwärmerei, ohne irgendwelchen idiotischen Aktionen oder andere Dinge, die mich bei andere Romanen so gern die Palme hochtreiben. Insgesamt war ich überraschend zufrieden mit dieser Geschichte und könnte mir vorstellen, langfristig noch mehr von der Autorin zu lesen.

Samstag, 17. Juni 2017

Christie-Fotos


Nachdem Christie in den letzten Wochen zwar nicht mehr so panisch war, aber immer noch den Großteil des Tages in irgendwelchen Verstecken zugebracht hat, scheint sie so langsam in der neuen Wohnung angekommen zu sein. In dieser Woche habe ich zum ersten Mal gesehen, dass sie einfach entspannt irgendwo lag und nicht beim kleinsten Geräusch im Treppenhaus oder auf der Straße aufschreckte. Sie ließ sich nicht mal davon aus der Ruhe bringen, dass ich nach einer kurzen Schmuserunde aufstand und die Kamera holte, obwohl sie sich ja eigentlich nicht gern fotografieren lässt. Es ist schön zu sehen, dass sie so langsam den Umzug verkraftet hat. :)


Freitag, 16. Juni 2017

Henry vs. Maia oder Wie sollte ein Autor wichtige Themen in seinen Roman einflechten?

In den letzten Tagen habe ich - ohne es zu planen - gleich zwei Romane gelesen, in denen die Protagonisten achtzehnjährige Adelige waren, die von ihrer Familie im besten Fall nicht geachtet und im schlimmsten Fall sogar geschlagen wurden. Beide Figuren mussten im Laufe der Geschichte erwachsener und reifer werden, beide wurden von Autorinnen erschaffen und in beiden Büchern gab es neben so einigen humorvollen Momenten auch Szenen, die sich mit Themen wie Rassismus, Gleichberechtigung, Homosexualität und Machtmissbrauch beschäftigten.

Doch während mich Henry in "Cavaliersreise" durch seine egozentrische und ignorante Art von diesen Themen eher ablenkte, gab mir Maia in "Der Winterkaiser" das Gefühl, er würde durch sein zurückhaltendes Wesen diese Elemente im Roman erst recht betonen. Ich finde es sehr faszinierend, wie unterschiedlich Mackenzie Lee und Katherine Addison ihre Geschichten erzählen und wie viel mehr mich die zurückhaltende Erzählweise von Katherine Addison berührt hat. Natürlich liegt die Differenz schon darin begründet, dass die "Cavaliersreise" für ein jüngeres Publikum geschrieben wurde und die Autorin mehr Wert auf absurde und amüsante Szenen legte und ihren Protagonisten als extrovertierten Tunichtgut angelegt hat, während "Der Winterkaiser" von der zurückhaltenden und unsicheren Hauptfigur, einem komplizierten politischen Gefüge und der Enthaltung sämtlicher Actionszenen lebt.

Aber gerade weil sich Katherine Addison so viel Zeit nimmt, um die gesellschaftliche und politische Situation in ihrer fantastischen Welt zu präsentieren, fand ich die kleinen Momente so eindringlich, in denen klar wird, dass Frauen allgemein deutlich niedriger gestellt sind als Männer, dass die Ächtung von Homosexualität dazu führt, dass ein Kleriker, der Männer liebt, an seinen Gefühlen und Taten fast zerbricht, und dass selbst die höchste Position im Reich keinen Schutz vor Rassismus darstellt. Beide Autorinnen zeigen auch, dass unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden, je nach Position der betroffenen Person oder nach Haltung des Gegenübers. Es reicht eben nicht, wenn die eigene Umgebung "tolerant" ist, wenn das nicht zu einem allgemeinen Bewusstsein für die Probleme und damit zusammenhängenden Veränderungen in der Gesellschaft führt.

Was mich dann wieder auf die unterschiedliche Herangehensweise der beiden Autorinnen bringt. Vielleicht braucht es ja die plakative Erzählweise von Mackenzie Lee in "Cavaliersreise", um beim Leser ein Bewusstsein für sogenannte kritische Themen zu schaffen und es geht nur mir so, dass ich davon eher abgeschreckt werde und das Buch mit einem "das hätte man besser machen können"-Gefühl beende. Ich weiß, dass mich das als Kind weniger gestört hätte, denn da habe ich genügend Bücher gelesen, die ihre Botschaft mit erhobenem Zeigefinger verbreiteten. Auf der anderen Seite kann ich auch sagen, dass die Romane, die subtiler mit gewichtigen Themen umgingen, bei mir länger hängenbleiben, weil sie mich dazu bringen, mir meine eigenen Gedanken zu machen, statt einfach nur zu konsumieren, was mir der Autor vor die Nase setzt.

Ich würde wirklich gern wissen, ob es euch ähnlich geht wie mir. Stört es euch, wenn solche Themen immer wieder betont in einem Roman angesprochen werden? Oder seid ihr so dankbar, dass überhaupt kontrovers diskutierte Themen aufgegriffen werden, dass ihr auch mit einer plakativeren Präsentation leben könnt?

Mittwoch, 14. Juni 2017

Katherine Addison: Der Winterkaiser

Es fiel mir am Anfang schwer, in die Handlung von "Der Winterkaiser" von Katherine Addison hereinzukommen, da die Autorin eine ungewöhnliche Gesellschaft geschaffen hat und es nach den ersten Seiten nur so vor unvertrauten Namen und Posten am Kaiserhof wimmelt. Trotzdem hat mich der Roman von Beginn an gepackt, weil ich den Protagonisten Maia sehr mochte und gespannt war, was aus ihm wird. Maia ist der ungeliebte Sohn des Elfenkaisers und seiner verstorbenen Koboldfrau. Nach dem Tod seiner Mutter wurde der Junge von einem Cousin aufgezogen, dem diese Aufgabe als Bestrafung zugeteilt wurde. So hat Maia bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr kaum etwas vom Hofleben mitbekommen (und in erster Linie gelernt, mit der Abneigung seines Cousins umzugehen), als sein Vater, seine drei älteren Brüder und sein Neffe bei einem Luftschiff-Unglück ums Leben kommen und Maia als einziges überlebendes männliches Mitglied der Familie zum Kaiser gekrönt wird.

Maia ist sich mehr als bewusst, dass er keine Ahnung von den Dingen hat, die er als Kaiser wissen sollte, ebenso wie dies seinem Hofstaat bekannt ist. Doch während einige treue Gefolgsleute versuchen, ihrem neuen Kaiser zur Seite zu stehen, gibt es eine unheimlich große Menge an Adeligen und Beamten, die seine Unwissenheit ausnutzen wollen. Dazu kommt noch ein Lordkanzler, der nur seine eigenen Interessen im Sinn hat - und dem es am liebsten wäre, wenn der neue Kaiser keine eigene Meinung hätte, die ihm dabei im die Quere kommt. Auch Maias Verwandte, von denen er die meisten in den Tagen vor seiner Krönung das erste Mal trifft, sind - im besten Fall - misstrauisch, wenn es um den unerfahrenen Kaiser geht. Komplizierter wird die Situation für den jungen Monarchen, als Ermittlungen ergeben, dass der Luftschiff-Absturz die Folge eines Attentats war und kein Unglück.

Ich bin wirklich hingerissen von diesem Fantasy-Roman, obwohl ich normalerweise deutlich actionreichere Lektüre bevorzuge. In "Der Winterkaiser" hingegen scheint auf den ersten Blick fast nichts zu passieren, denn die gesamte Handlung dreht sich nur um die wenigen Wochen, die dem Absturz des Luftschiffs folgen und in denen Maia einen Weg finden muss, um als Kaiser zu überleben. Als Leser erlebt man die gesamte Geschichte aus Maias Perspektive und kann so die ganze Verwirrung, die Angst und die Überforderung des jungen Mannes mitfühlen. Er hat keinerlei Erfahrungen mit der Welt am Hof machen können und keine Ahnung von all den politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die seine Beschlüsse mit sich bringen können, und muss trotzdem vom ersten Tag an folgenschwere Entscheidungen treffen.

So besteht die Handlung vor allem aus vielen, vielen kleinen Szenen, in denen Maia auf die verschiedensten Elfen, Kobolde und Halbelfen trifft und sich ein Bild von den Personen und der Situation machen muss. Es gibt sehr viele Dialoge, sehr viele politische Elemente, sehr viele Intrigen und sehr viele kleine Momente, in denen Maia über sich hinauswachsen muss. Letzteres ist es, was den Roman für mich so großartig gemacht hat. Bei all seiner Unsicherheit beweist Maia mehr Rückgrat, als man es bei einem so jungen Mann erwarten könnte. Er ist natürlich zwischendurch auch wehleidig, verängstigt und zornig, aber da ihm bewusst ist, wie viel Macht ein Kaiser hat, bemüht er sich, diese nicht zu missbrauchen und bedacht und richtig zu handeln.

Katherine Addison hat in diesem Roman selbst bei den Momenten in der Geschichte auf Tempo oder Dramatik verzichtet, bei denen sie das hätte einflechten können. So gibt es zwar Attentate auf den neuen Kaiser, aber auch hier dreht sich die Handlung vor allem um Maias Innenleben, um seine Bemühungen, mit den Taten fertig zu werden, Haltung zu bewahren und Entscheidungen zu treffen, die zum Besten für sein Reich und die Personen um ihn herum sind. Ich mochte diese unaufgeregte Erzählweise sehr gern, ebenso wie die verschiedenen Figuren rund um den jungen Kaiser. Denn auch wenn keiner von ihnen in einer Position ist, die es ihm erlauben würde, Maias Freund zu werden, so sind viele darunter, die ihm bei seiner Aufgabe helfen wollen, und das ist schön zu verfolgen.

Mein einziger Kritikpunkt bei "Der Winterkaiser" sind die Namen der vielen verschiedenen Figuren. Zwar gibt es am Ende des Romans eine Erläuterung zum Aufbau der Namen, aber das half mir in der Regel nicht weiter, wenn ich beim Lesen mal wieder über eine Figur stolperte, die das letzte Mal vor ein paar Kapiteln vorkam und deren Namen - da zum Teil der Titel, die Funktion bei Hof oder die Familienzugehörigkeit die Anrede bestimmten - ich nicht gleich zuordnen konnte. Irgendwann habe ich einfach aufgegeben und darauf gewartet, dass die folgenden Textpassagen mir genügend Informationen gaben, um die Person wiederzuerkennen. Auch das zusätzliche Namensverzeichnis war da keine große Hilfe, weil die Figuren entweder gar nicht aufgeführt waren oder nicht unter dem Stichwort zu finden waren, unter dem ich sie suchte. Davon abgesehen fand ich den Roman wirklich toll und finde es großartig, wie die Autorin die verschiedenen Charaktere angelegt hat.

Montag, 12. Juni 2017

Mackenzie Lee: Cavaliersreise - Die Bekenntnisse eines Gentlemans

Über "Cavaliersreise - Die Bekenntnisse eines Gentlemans" von Mackenzie Lee bin ich bei Anja gestolpert, die betonte, dass der Roman eine gelungene Mischung aus gewichtigeren Themen (Bisexualität/Gleichberechtigung/Rassismus) und Abenteuerroman bietet, und mich damit neugierig gemacht hat. Ich muss gestehen, dass ich anfangs meine Probleme mit dem achtzehnjährigen Erzähler Henry hatte, denn auf den ersten Blick wirkt er wie ein undankbarer, verwöhnter Säufer, der nur an sein nächstes Vergnügen denkt. Einzig das Wissen um seine heimliche Liebe zu seinem Jugendfreund Percy und die Tatsache, dass man auf den ersten Seiten schon mitbekommt, wie gestört das Verhältnis zwischen Henry und seinem Vater ist, hat mich neugierig auf diesen Charakter gemacht.

Nachdem Henry aus Eton geflogen ist, soll er gemeinsam mit Percy auf eine Grand Tour durch Europa gehen. Auf dieser Reise - die gleichzeitig dazu dient, Percys Schwester Felicity in eine Bildungsstätte für junge Damen zu bringen - soll Henry beweisen, dass er sich benehmen und nützliche Kontakte für seinen Vater knüpfen kann. Doch weder das anständige Benehmen noch das Knüpfen von angemessenen Bekanntschaften oder gar ein enthaltsames Leben liegen Henry, und so gelingt es ihm, innerhalb kürzester Zeit von einer Katastrophe zur nächsten zu wanken, bis er halbnackt aus Versailles fliehen muss. Doch dieser Auftritt am Hof des französischen Königs ist erst der Auftakt einer langen Reihe von ungewöhnlichen Vorfällen, die Henry auf seiner Reise durch Europa erlebt.

Mackenzie Lee hat eine Geschichte voller absurder und amüsanter Szenen geschaffen, die aber überraschenderweise alle in die Zeit passen, in der die Handlung spielt. Sowohl die Cavaliersreise als auch Wegelagerer, Interesse für Alchemie oder Kaperfahrer sind Dinge, die einem jungen Adeligen im 18. Jahrhundert auf seiner Reise durch Europa hätten begegnen können. Doch natürlich sind das alles nur Stationen auf Henrys Weg zum Erwachsenwerden. Je mehr man über den jungen Mann erfährt, desto mehr wächst er einem ans Herz, auch wenn man ihn regelmäßig schütteln will, weil er mal wieder die dümmste Entscheidung fällt, die in einer Situation möglich wäre. Umso angenehmer ist es, dass seine Reisegefährten deutlich vernünftiger und reifer sind als Henry.

Während Felicity anfangs ein wenig farblos wirkt und erst nach und nach zeigt, dass sie eine energische und intelligente Frau mit vielseitigen Interessen ist, beweist Percy von Beginn an, dass er mehr Hirn hat als Henry. Dabei gelingt es der Autorin regelmäßig, aufzuzeigen, dass Percys Position als Mischlingskind eines englischen Gentlemans schwierig ist, wenn er zum Beispiel mal wieder aufgrund seiner Hautfarbe als Diener angesehen wird oder anderem rassistischem Benehmen begegnen muss. Allerdings waren das auch die Passagen im Buch, die mir am wenigsten gefallen haben. So gut und richtig es ist, dass solche Themen in Romanen angeschnitten werden, so wurde das  Ganze für meinen Geschmack in "Cavaliersreise" doch etwas zu plakativ gehandhabt.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass mit dem Titel eine Zielgruppe "ab 16 Jahren" angestrebt wurde, oder ob Mackenzie Lee diese Erzählweise angesichts ihres etwas begriffsstutzigen Protagonisten passend fand, aber mir als Leser war das manchmal zu viel. Mir hätte es gereicht, wenn die Autorin es bei den Szenen belassen hätte, in denen man sieht, wie es den Beteiligten ergeht. Stattdessen werden diese Themen immer wieder in lang und breit in Dialogen mit Henry aufgegriffen , die nur selten zu wirklichen Gesprächen zwischen den verschiedenen Figuren führten und vor allem beweisen, wie egozentrisch Henry durchs Leben geht. Das empfand ich beim Lesen eher als Ablenkung vom Thema, weil es dazu führte, dass ich mich vor allem über Henrys Ignoranz aufregte, während ich mich ansonsten gut unterhalten gefühlt habe.

Samstag, 10. Juni 2017

Schon wieder Samstag?

Irgendwie habe ich gerade jegliches Zeitgefühl verloren. Es gibt zur Zeit keine Termine, die ich im Auge behalten muss, und meine Tage unterscheiden sich nur dadurch, dass mein Mann an den Wochenenden tagsüber daheim ist und an den Wochentagen eben nicht. Es gibt nichts Dringendes auf der To-do-Liste. Viele Sachen bleiben liegen, weil vorher noch andere Dinge passieren müssen, die nicht in meiner Hand liegen.


So vertreibe ich mir meine Freizeit mit dem Nähen von Vorhängen und fluche dabei kräftig vor mich hin, weil der dreifachgewebte Verdunklungsstoff mit der Hand nicht gut zu nähen ist. Ständig verrutscht der Stoff oder die Nadel zieht Fäden. Aber inzwischen habe ich mich schon von dem Gedanken an gerade Nähte und "schön" verabschiedet und freue mich stattdessen auf den Tag, an dem alles vor den Fenstern hängt und die Wohnung mit einem Griff vor der Sonnenwärme geschützt werden kann.


Ansonsten lese ich und lese und lese, während mein Mann mir abends mit seiner aktuellen Serie einen Ohrwurm verpasst, den ich den ganzen Tag nicht wieder loswerde. Wenn ich ehrlich bin, dann mag ich diese entspannten, zeitlosen Tage. Aber sie sorgen auch dafür, dass ich nicht so viel zu erzählen habe ...

Da ich die Spiegelung so mag, darf das Foto auch in den Blog.

Freitag, 9. Juni 2017

Tanya Huff: Sing the Four Quarters (A Quarters Novel 1)

Tanya Huff gehört ja zu den Autorinnen, von denen ich mir nach und nach noch die fehlenden Titel besorgen will. Die "Quarters Novel" gibt es leider nur noch als relativ teure ältere TB-Ausgaben oder als eBooks (immerhin mit einem Extra-Band mit Kurzgeschichten). Da ich mir immer gut überlege, ob ich wirklich Geld für ein eBook ausgeben will, war ich sehr glücklich, als Natira mich vor ein paar Wochen darauf aufmerksam machte, dass es an dem Tag "Sing the Four Quarters" umsonst für den Kindle gab. "Sing the Four Quarters" ist ein klassisches High-Fantasy-Buch und obwohl ich das Genre nur noch selten lese, habe ich diesen Roman wirklich genossen (und werde mir definitiv auch die anderen Bände noch zulegen).

Das Königreich, in dem die Geschichte spielt, bedient sich ganz klassisch der Barden, um zu spionieren, Nachrichten zu verbreiten und Verträge zu bezeugen. Natürlich machen diese Barden auch Musik, wobei sie in der Lage sind, mit ihrer Stimme und ihren Instrumenten Naturgeister (Kigh) zu beeinflussen. Manche Barden haben nur Einfluss auf ein Element, andere hingegen - wie die Protagonistin Annice - können alle vier "Quarter" singen, wenn auch in unterschiedlicher Stärke. Normalerweise ist es für eine Familie eine große Ehre, wenn ein Kind das Talent zum Barden zeigt, doch bei Annice war ihre Verwandtschaft nicht darüber erfreut, dass sie so ein großes musikalisches Talent besaß.

Annice ist die jüngste Schwester des aktuell herrschenden Königs und hat ihren Bruder nur durch eine List - die ihn in seinen Augen vor seinem sterbenden Vater und dem gesamten Land entehrt hat - dazu gebracht, sie Bardin werden zu lassen. Eine der Bedingungen, die ihr Bruder damals stellte, war, dass sie von dem Tag, an dem sie die Ausbildung beginnt. alle Rechte als Prinzessin abgibt und niemals ohne Erlaubnis des Königs Kinder bekommen würde. Dummerweise kommt Annice von ihrer letzten Reise schwanger wieder und muss nun einen Weg finden, um das ungeplante Kind und ihre eigene Haut vor ihrem Bruder zu retten. Damit Annice' Leben nicht zu einfach wird, wird sie auch noch in eine Intrige verwickelt, die dazu führt, dass Pjerin (der Erzeuger ihres Kindes) des Hochverrats angeklagt wird. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Stasya versucht Annice, ihr Kind, ihren Liebhaber und ihr Land zu retten, was zu einer amüsanten, berührenden und spannenden Geschichte führt, die ich rundum genossen habe.

Tanya Huff hat ein Händchen für Dialoge und Szenen, die mich zum Schmunzeln bringen. Ich mag ihre Protagonisten und ich mag es, wie selbstverständlich es in dieser Welt ist, dass zwei Frauen zusammenleben (und eine davon trotzdem Sex mit Männern haben mag). Auch die Charaktere fand ich insgesamt stimmig. Keiner von ihnen ist makellos, aber selbst bei den "Bösewichten" kann man nachvollziehen, warum sie handeln, wie sie es tun. Und nachdem ich mich vor einiger Zeit darüber beschwert habe, dass Mütter in Fantasyromanen so gut wie nie eine tragende Rolle haben, ist es umso schöner, eine stimmige Darstellung einer schwangeren Frau in dieser Geschichte zu erleben. Annice ist zwar schwanger, aber das hält sie nicht davon ab, ihre Mission zu verfolgen. Dass ihr dabei ständig schlecht ist, erleichtert ihr die Sache nicht, und dass ihr verändertes Gewicht dazu führt, dass sie nicht die gewohnten Strecken pro Tag durchs Land laufen kann, erschwert die Angelegenheit nur noch mehr. Ihr Baby ist ihr wichtig, aber um es auf die Welt bringen zu können, kann sie nicht einfach abwarten und hoffen, dass schon alles gut wird.

Es schwierig nicht zu viele Details zu verraten und doch zu erwähnen, wie viele kleine Elemente mir an dieser Geschichte gefallen haben. Tanya Huffs Welt fühlt sich - ebenso wie die Figuren - realistisch an, ohne dass ich das Gefühl habe, sie hätte zu viel Raum in die Beschreibung dieser Welt gesteckt. Oft sind es scheinbar kleine Dinge, die zu Spannung führen, während man sich gleichzeitig beim Lesen wunderbar darüber amüsiert, dass zwei Figuren zusammen reisen müssen, die sich die ganze Zeit kabbeln. Und obwohl es ein paar kleinere Wendungen gibt, die vorhersehbar waren, weil es genügend Andeutungen für diese Entwicklungen gab, so hat die Autorin das Ganze am Ende so verpackt, dass es einfach Spaß macht zu sehen, auf welche Weise sich die Vorahnungen des Lesers erfüllen. Ich finde es einfach schön, wenn eine bewährte Autorin mich am Ende eines Buchs wieder so zufrieden zurücklässt. Das einzige Ärgerliche ist, dass ich frühestens im Herbst die weiteren Bände kaufen kann, weil ich natürlich mal wieder meinen Etat langfristig verplant habe. ;)